Forschungsarbeit: Wollen und Überlegen aus Sicht der Pädagogischen Anthropologie

Wollen und Überlegen aus Sicht der Pädagogischen Anthropologie

Zum Verhältnis von Wünschen, Entschließen und Handeln und seiner Bedeutung für die Erziehung zur Vernunft

Schriften zur Pädagogischen Theorie, Band 18

Hamburg , 154 Seiten

ISBN 978-3-339-10638-4 (Print)
ISBN 978-3-339-10639-1 (eBook)

Zum Inhalt

Das Verhältnis von Bedürfnis und Vernunft führt zur Begründung der Prioriät des Wollens gegenüber dem Überlegen, welche zweifach vorhanden ist. Der Zusammenhang von Bedürfnis und Wunsch dient zu deren Begründung gegenüber dem Überlegen, wenn (a) mit ‚wollen’ ausschließlich ‚wünschen’ gemeint ist. Zuerst entsteht ein Wunsch, d.h., man will etwas haben, sein oder tun, dann kommt die Überlegung, etwa als Wählen, und erst danach kommt das Wollen als ‚entschlossen sein’. Allerdings können sich Wünsche auch aus Überlegungen erst bilden. Da Überlegungen jedoch nicht zwangsläufig vernünftig sein müssen, hat Wollen auch den Vorrang vor dem (b) nunmehr vernünftigen Überlegen, und zwar als ‚wünschen’ wie auch als ‚entschlossen sein’. Denn man muss sich immer wieder wünschen und dazu entschließen, Vernunft- bzw. Diskursprinzipien (Wahrheit, Richtigkeit, Freiheit, etc.) in seinem Denken und Handeln anzuwenden.

‚Überlegen’ ist eine äußerst komplexe Fähigkeit und kommt im kognitiven Bewusstsein beim Menschen als Denken, Vorstellen, Erkennen, Urteilen, Schlussfolgern etc. zum Ausdruck. Dagegen besagt ‚Wollen’, soweit es an mir liegt, soll etwas sein oder verändert werden, wobei immer auch Emotionen im Spiel sind. Was wir wollen, ist aber nicht nur ein Naturereignis, sondern wir haben gelegentlich Gründe, aus denen wir etwas wollen. Und wer gründlich überlegt, sucht nicht lediglich Gründe zusammen, vielmehr interpretiert er die Situation, wägt Möglichkeiten ab und bildet sich ein Urteil, aufgrund dessen Gründe für oder gegen etwas sprechen. Das heißt, dass man etwas beschließt und somit anderes ausschließt, sich also festlegt. Dieses Festlegen bedeutet den Abschluss des Hin und Her zwischen den Möglichkeiten, das heißt des Überlegens darüber, was man tun will, tun kann und tun soll.

Würden nun Wollen und Überlegen bloß Naturgeschehen sein, dann stünde es um die Erziehung zur Vernunft sehr schlecht. Denn wie könnte man der Natur, also den Netzwerken und den materiellen Abläufen im Gehirn etwas vorwerfen. Die Natur in Bezug auf einen kausalen Ablauf zu tadeln, ergibt keinen Sinn. Erst aus dem angemessenen Zusammenspiel von Wollen und Überlegen resultiert die Möglichkeit der Personwerdung bzw. Mündigkeit. Grenzen ihrer Planbarkeit bestehen darin, dass die grundsätzliche pädagogische Problematik nach wie vor bestehen bleibt, denn dasjenige, das die Termini Person, Subjekt Wille, Ich, Selbst, Geist bezeichnen und das erzogen werden soll, ist nur als Ausdruck eines Vermögens, z.B. als Fühlen, Wollen und Überlegen zugänglich, aber (noch?) nicht in seinen Ursachen empirisch fassbar. Folglich können in der Erziehung zur Vernunft keine Handlungsrezepte erwartet werden. Vielmehr ist es ihre Aufgabe, die Motivation zur Vernünftigkeit und die Vernünftigkeit der Motivation unter einen Hut zu bringen.

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