Dietmar Langer (Hrsg.) Pädagogische Metaphysik
Neuerliche und neue Reflexionen über Bildung und Erziehung
Hamburg 2024, 250 Seiten
[…] Es ist nicht einfach, den vielfältigen Fragen gerecht zu werden, die Langer mit seinem Band aufgeworfen hat. Auf der einen Seite handelt es sich um eine mutige Intervention, die sich vom Machtstreben der so genannten „harten […]
Zum Inhalt
Das Übersinnliche ist in seinem Hinüber über das Physische das Metaphysische. Im Grunde ist damit Überlegen, Deuten und Ahnen gemeint.
Metaphysik kommt zum Beispiel in der Annahme zur Anwendung, dass der Verstand Wissenschaft durch Erfahrung erschaffen soll. Dies ist deshalb eine metaphysische Annahme, weil sie wiederum nicht selbst sinnlich erfahrbar ist.
Wissenschaft ermittelt so Fakten und bezieht sich auf das, was tatsächlich der Fall ist. Metaphysik greift hierfür auf das Denken mit Vernunft zurück, wenn sie sich um das Sollen kümmert, also um das, was richtigerweise der Fall sein soll. Mit Verstand werden zum Beispiel auch Kriege organisiert und realisiert. Mit Vernunft hingegen werden diese verhindert oder beendet.
Verstand und Vernunft sind allerdings nicht nur in der Wissenschaft dialektisch beziehungsweise transzendental verknüpft, sondern ebenso im Lebensalltag. Dies gilt insbesondere auch im Erziehungsbereich. Denn um zu erkennen, was dort der Fall ist, muss man wissen, wie man dabei vorgehen soll. Doch um zu wissen, was dort sein soll, muss man wiederum wissen, was der Fall ist. Verstand und Vernunft arbeiten im konkreten Fall also stets Hand in Hand.
Im vorliegenden Sammelband wird Metaphysik aufgrund philosophischer Überlegungen, Deutungen und Ahnungen weitreichend und tiefgreifend im Bereich von Bildung und Erziehung ausgelegt. Dies geschieht jedoch nicht, um Welt- und Menschenbilder oder Erziehungs- und Bildungslehren dogmatisch zu fundieren. Denn die Annahme eines ein für alle Mal gültigen Fundaments für solche Bilder und Lehren ist obsolet. Vielmehr sollen heutige Aufgaben, Funktionen, Leistungen und Probleme pädagogischer Metaphysik ausführlich aufgezeigt werden.
In den Beiträgen von Wolfgang Hinrichs, Helmut Wehr und vom Herausgeber wird diesem Anliegen verschiedentlich nachgegangen, ohne dabei das kulturelle Gedächtnis aus dem Blick zu verlieren. Dadurch wird ersichtlich, dass pädagogische Metaphysik keineswegs veraltet ist. Jedoch kann sie nicht mehr nur isoliert in Reinkultur auftreten, sondern muss auch den Bezug zu den Natur- und anderen Sozialwissenschaften herstellen.
Dies gilt insbesondere, wenn sie bestimmte Konzepte verteidigen und als notwendige Annahmen für Mündigkeit ausweisen will:
- Persönlichkeit (Hinrichs)
- Liebe zum Leben (Wehr)
- Willensfreiheit (Langer)
Zudem können im Sammelband hierfür auch hinreichende individuelle und kulturelle Bedingungen ermittelt werden. Diese Bedingungen sind jedoch keine messbaren Kompetenzen. Vielmehr handelt es sich dabei zum Beispiel um:
- eine rational-emotionale Vergewisserung seiner selbst (= Gewissen)
- einen Wille zur Vernunft (= Entschluss zur Vernunftanwendung)
- demokratische Selbstbildung
Insbesondere stellt sich die Frage, wer pädagogische Metaphysik eigentlich braucht beziehungsweise an wen sich die Beiträge richten:
- Einmal sind es Studierende der Pädagogik.
- Zum anderen sind vor allem diejenigen im Blick, die für die Ausbildung der in der Erziehungspraxis Tätigen verantwortlich sind.
Wenn nämlich ein Erzieher behauptet, er brauche überhaupt keine Metaphysik, dann ist eben dieser Standpunkt seine Philosophie. Dies stellt wenngleich eine denkbar schlechte Ausgangslage dar.
Denn auf Metaphysik kann nicht verzichtet werden, wenn wir im Allgemeinen das Ganze und im Einzelnen bestimmte Begriffe verstehen wollen. Dazu zählen:
- Vernunft und Freiheit
- Subjektivität, Person, Geist und Wille
- Gewissen und Verantwortung
- Natur, Kultur und Welt
Nur so kann Licht auf den ganzen Zusammenhang dieser Begriffe scheinen. Auf diese Weise lässt sich dessen Bedeutung für die Erziehung zur Mündigkeit beziehungsweise für die Selbstbildung zur Person erhellen und aufklären.
Bibliografische Daten
| Herausgeber | Dietmar Langer (Hrsg.) |
| Titel | Pädagogische Metaphysik |
| Untertitel | Neuerliche und neue Reflexionen über Bildung und Erziehung |
| Seiten | 250 |
| Erscheinungsjahr | 2024 |
| Erscheinungsdatum | 29.08.2024 |
| Ort | Hamburg |
| ISBN (Print) | 978-3-339-13966-5 |
| eISBN (eBook) | 978-3-339-13967-2 |
| Schriftenreihe | Schriften zur Pädagogischen Theorie |
| Band | 23 |
Rezension
[…] Es ist nicht einfach, den vielfältigen Fragen gerecht zu werden, die Langer mit seinem Band aufgeworfen hat. Auf der einen Seite handelt es sich um eine mutige Intervention, die sich vom Machtstreben der so genannten „harten empirischen Forschung“ heute, die sich als allein gültige Quelle wissenschaftlicher und damit angemessener Reflexion der Probleme von Schule und Unterricht, ja der Pädagogik insgesamt versteht, nicht blenden lässt, ihr etwas entgegensetzen will. Zudem ist es so, dass Langer, wie aus vielen früheren Arbeiten bekannt, ausgesprochen akribisch die Probleme bearbeitet und mit dem Licht der Vernunft viele dunkle Stellen ausleuchtet. Auf der anderen Seite zeigt sich seine Kraft darin, Hintergründe aufzudecken, um oberflächlichen Diskursen des Zeitgeistes zu entgehen. Insofern ist sein Versuch, auch in Kombination mit den Texten der beiden Kollegen, ein facettenreiches Statement gegen die machtvollen Ansprüche der alleinigen Vertretung von Wahrheit sowohl bei den „harten Empirikern“ als auch bei den (Neuro-)Biologen, die mit ihren simplen Modellen suggerieren, Wege aus dem Labyrinth der menschlichen Unwägbarkeiten zu zeigen. Langer hält vieles in der Schwebe und das ist gut so. Und er erliegt nicht der Versuchung, unser Erbe zu entsorgen und uns damit die Fundamente zu zertrümmern, auf denen wir stehen. […]
Über Dietmar Langer (Hrsg.)
Dietmar Langer, geboren 1952 in Dentlein am Forst, ist Diplom-Pädagoge mit langjähriger Erfahrung in schulischer und hochschulischer Lehre. Von 1979 bis 2010 war er als Realschullehrer für Mathematik und Sport tätig, häufig auch in der Funktion des Klassenlehrers. Zwischen 2009 und 2014 lehrte er Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.
Seine wissenschaftliche Publikationstätigkeit begann in den 1980er-Jahren mit Beiträgen zur Sportdidaktik. Seit Mitte der 1990er-Jahre liegt sein Schwerpunkt auf erziehungsphilosophischen Fragen. Er veröffentlichte zahlreiche Fachaufsätze und Rezensionen, vor allem in der *Pädagogischen Rundschau*, wo er auch zwei Themenhefte verantwortete: eines zur Beziehung von Selbstbestimmung und Glauben (2019), ein weiteres zur Rolle der Erziehungsphilosophie in der Gegenwart (2023).
Bislang sind 29 Buchveröffentlichungen erschienen, darunter mehrere aktuelle Titel im Verlag Dr. Kovač, zuletzt Erziehung zur Vernunft. Irrtümer in der Theorie der Personwerdung und inwieweit wir uns langsam empor irren (2025), Evolution >und< Schöpfung – aber welche? (2024), der von ihm herausgegebene Sammelband Pädagogische Metaphysik (2024) sowie Warum die Erziehung des Geistes nicht veraltet ist (2023).
Weitere Bücher des Herausgebers
Zur Dialektik von Sein und Sollen und ihrer Bedeutung für das Verhältnis von Ausbildung und Selbstbildung
Hamburg 2026
Irrtümer in der Theorie der Personwerdung und inwieweit wir uns langsam empor irren
Hamburg 2025
[...] Der Psychologe und Psychoanalytiker Dietmar Langer ist überzeugt: „Persönlichkeit braucht vernünftige, mündige, aufgeklärte, ganzheitliche Bildung“. Sie […]
Evolution ›und‹ Schöpfung – aber welche?
Zur Frage nach der Entstehung der Welt und ihrer Bedeutung für religiöse Bildung
Hamburg 2024
Vernünftiger Wille oder Wille zur Vernunft?
Zur Frage, wie kommt man eigentlich zur Vernunft – und ihrer Bedeutung für die Erziehung zur Mündigkeit
Hamburg 2023
[…] Auf verständliche Weise diskutiert der Verfasser neuere Zugänge zum Problem von Willensfreiheit und Determinismus und leitet daraus grundlegende […]
Warum die Erziehung des Geistes nicht veraltet ist
Zur Aktualität von Sprangers und Litts Konzeptionen der Selbstbildung und Selbsterziehung
Hamburg 2023
[…] Insgesamt eignet sich das Werk Langers einerseits als Einstieg in die gewichtige Frage zur Diskussion um Freiheit oder Determinismus in der […]
Willensfreiheit oder Determinismus?
Zum Verhältnis von Geist und Kausalität und seiner Bedeutung für die Pädagogik
Hamburg 2022
Möglichkeiten und Probleme der Vernunft
Hans Albert gegen Karl-Otto Apel und gegen Hans Küng
Hamburg 2021
Immanenz – Kontingenz – Transzendenz
Zur Rationalität des religiösen Glaubens und des Glaubens an die Vernunft
Hamburg 2021
Zur Frage, ob, inwieweit und wie Verstand, Vernunft und Religion miteinander vereinbar sind
Hamburg 2020
Religiöser Glaube und Selbstbestimmung?
Zur Frage, ob man als Person an Gott glauben muss
Hamburg 2019
Wollen und Überlegen aus Sicht der Pädagogischen Anthropologie
Zum Verhältnis von Wünschen, Entschließen und Handeln und seiner Bedeutung für die Erziehung zur Vernunft
Hamburg 2019
Geistiger Körper oder verkörperter Geist?
Zur postmodernen Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch?
Hamburg 2019
Vernünftige Welt- und Selbstbezüge
Zur Metaphysik der Personwerdung und ihrer Bedeutung für die Pädagogik
Hamburg 2018
Persönlichkeit braucht Bildung
Zur Urrelation zwischen Mensch und Welt sowie ihrer Bedeutung für die Personwerdung
Hamburg 2018
Zum Verhältnis von Verstand, Vernunft, Vorrationalem und Mündigkeit
Hamburg 2018
Zur postmodernen Auslegung des Verhältnisses von Freiheit, Erziehung und Vernunft
Hamburg 2017
Zur immanenten Transzendenz als anthropologische Grundlage der personalen Handlungstheorie
Hamburg 2016
Bildung und Erziehung des Geistes
Zur philosophischen Theorie der Selbstbildung und Selbsterziehung
Hamburg 2015
Warum es für Erzieher kein letztgültiges Bild vom Menschen geben soll
Hamburg 2014
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