Forschungsarbeit: Vernünftige Welt- und Selbstbezüge

Vernünftige Welt- und Selbstbezüge

Zur Metaphysik der Personwerdung und ihrer Bedeutung für die Pädagogik

Schriften zur Pädagogischen Theorie, Band 16

Hamburg , 164 Seiten

ISBN 978-3-8300-9928-4 (Print)
ISBN 978-3-339-09928-0 (eBook)

Zum Inhalt

Jeder Mensch stellt vielseitige Bezüge zur Welt her, die in unterschiedlicher Weise ausgelegt werden können. Im Buch werden vier philosophische Auslegungen erörtert, und zwar von Popper, Habermas, Davidson und Larmore. Welt wird verstanden als alles, was der Fall ist. Sie umfasst drei Bereiche: Natur, Geist und den Raum der Gründe. Da der Mensch selbst ein Teil der Welt ist, stellt er auch Selbstbezüge her, die ein Sich-Richten nach Gründen darstellen. Unser Leib im Sinne von „Leib-haben“ und „Leib-sein“ verbindet somit die drei Weltbereiche. Die verbindenden Elemente sind aus analytischer Sicht unser geistiger Körper und verkörperter Geist. Sie sind aber keine substanzielle Dualität, sondern besagen: Jeder Mensch hat einen geistigen Körper und ist ein verkörperter Geist. Beide sind im Sinne einer Ganzheit als beseelter Leib neuronal realisiert, aber auch kulturell bedingt.

Gründe kommen in der realen Innenwelt vor, etwa als Wunsch, gesund zu bleiben, aber auch in der Außenwelt. Zum Beispiel ist Regen ein Grund, einen Schirm mitzunehmen. Mit unserem geistigen Körper sind wir zugänglich für Gründe, die eine normative Wirklichkeit bilden und für oder gegen etwas sprechen, etwa nicht zu rauchen oder einen Schirm zu öffnen. Damit kommt der Zusammenhang von normativer Wirklichkeit und dem Raum der Gründe ins Spiel, denn diese beiden Weltbereiche sind keineswegs identisch. Der Unterschied liegt darin, dass tatsächliche Gründe in der normativen Wirklichkeit nicht wahr oder falsch sein können, sondern nur unsere Auffassungen davon. Letztere sind insofern im Raum der Gründe lokalisierbar.

Das Sich-Richten nach Gründen ist ein ungebrochener Weltbezug, der sich im Denken, Fühlen, Wollen und Handeln zeigt und mit unserem geistigen Körper erstellt wird. Werden dagegen mit unserem verkörperten Geist gute Auffassungen von Gründen im Raum der Gründe gebildet, dann entstehen vernünftige Selbstbezüge, die von einer Person realisiert werden. Aus einem Handlungssubjekt wird durch solche – nunmehr gebrochene – Weltbezüge jedes Mal aufs Neue eine Person, wodurch sich ein unvermittelter in einen vermittelten Kontakt zur Welt verwandelt, weil eine Person auf Distanz zur Natur gehen und diesen Selbstbezug (= Sich-Richten nach Gründen) mit Vernunft gestalten will, es ebenfalls kann und auch tatsächlich tut (= Personwerdung).

Das Vermögen der Personwerdung mussten wir in der Evolutionsgeschichte aber mit dem Preis eines gebrochenen Weltbezuges bezahlen. Allerdings kam es infolgedessen dazu, dass Menschen mit ihrem verkörperten Geist fragen und auch gute Gründe dafür angeben können, ob und warum etwas gut, wahr, richtig oder nützlich ist. Andere Tiere können das nicht. Affen und Hunde verbleiben z.B. stets aufgrund ihrer geistigen Körper in einem ungebrochenen Weltbezug, der jedoch auch für Menschen wichtig ist, weil er auch für uns als Handlungssubjekte zunächst und zumeist vorhanden ist, und mit dem wir versuchen, in der Welt zurechtzukommen. Eine Metaphysik der Personwerdung thematisiert folglich auch ungebrochene Welt- und Selbstbezüge. Sie sind unentbehrlich, weil sie die Voraussetzung für vernünftige Selbstbezüge sind. Die Bedeutung dieser Metaphysik für die Pädagogik liegt darin, dass Bildung als Personwerdung im Sinne eines normativen Selbstbezuges (= Sich-Richten nach guten Gründen) ausgelegt werden kann. Daraus folgt der Bildungs- und Erziehungsauftrag: Jeder Mensch soll als Handlungssubjekt lernen, eine Person werden zu wollen und zu können, und zwar immer wieder im Bedarfsfall aufs Neue. Diese Metaphysik ist deshalb erforderlich, weil sie Möglichkeiten und Grenzen der Personwerdung begründen und somit Handlungsorientierung anbieten kann.

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