Forschungsarbeit: Geistiger Körper oder verkörperter Geist?

Geistiger Körper oder verkörperter Geist?

Zur postmodernen Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch?

BOETHIANA – Forschungsergebnisse zur Philosophie, Band 151

Hamburg , 216 Seiten

ISBN 978-3-339-10422-9 (Print)
ISBN 978-3-339-10423-6 (eBook)

Zum Inhalt

Ausgangspunkt ist die uralte Frage: Was ist der Mensch? Es hat sich gezeigt, dass er weder bloß ein ‚homo neurobiologicus’ noch nur ein ‚homo sociologicus’ ist, sondern ein sich selbst verwirklichendes Handlungssubjekt im Sinne eines animal symbolicum, welches unter bestimmten Bedingungen eine Person werden kann, die als animal rationale auslegbar ist. Diese Bedingungen stehen im Buch zur Debatte.

Jeder Mensch ist vor allem ‚jemand’, während Steine und Computer, aber auch Pflanzen und Tiere ‚etwas’ sind. Und etwas kann nie jemand werden. Mit einer Ausnahme, nämlich der Mensch selber, er wurde in einer – aus Sicht eines einzelnen Menschen – sehr langen Zeitspanne aus einem Naturwesen ein potenzielles Vernunftwesen. An Darwins Evolutionslehre kommen wir heute nicht mehr vorbei, obgleich sie viele offene Fragen enthält. Vor allem ist jede völlige Naturalisierung des Geistes von Epikur über La Mettrie bis Dennett, Riedl, Vollmer und Roth bislang gescheitert.

Von Interesse ist deshalb nicht die Frage, ob das Gehirn unser Geist ist, sondern ob der Mensch im Sinne einer Ganzheit als Handlungssubjekt ein geistiger Körper oder ein verkörperter Geist ist. Unsere Antwort wird lauten: Jeder Mensch hat als Handlungssubjekt einen geistigen Körper und ist ein verkörperter Geist, dennoch ist er nicht stets eine Person im Sinne des animal rationale. Handlungssubjekte und Personen haben zwar einen geistigen Körper gemeinsam, mit dem sie zunächst und zumeist Denken, Glauben, Fühlen, Wollen und Handeln können, auch sind beide jeweils ein verkörperter Geist, aber eine Person handelt stets dergestalt, dass sie im Raum der Gründe gute Auffassungen von Gründen bildet und sich danach richten will und kann, was einer vernünftigen Selbstbestimmung entspricht. Ein Handlungssubjekt könnte dies zwar grundsätzlich auch, macht es aber aus irgendwelchen Gründen nicht. Von daher ist jeder Mensch ein Handlungssubjekt (animal symbolicum), aber nur eine potenzielle Person (animal rationale).

Der Mensch stellt vielfältige Weltbezüge her. Welt wird verstanden als alles, was der Fall ist. Sie umfasst drei Bereiche: Natur, Geist und den Raum der Gründe. Da der Mensch selbst ein Teil der Welt ist, stellt er auch Selbstbezüge her, die ein „Sich-Richten“ nach Gründen darstellen. Gründe kommen in der realen Innenwelt vor, etwa als Wunsch, reich zu werden, aber auch in der Außenwelt. Zum Beispiel ist Kälte ein Grund, einen Mantel mitzunehmen. Mit unserem geistigen Körper stellen wir ungebrochene Weltbezüge her und sind somit zugänglich für unterschiedliche Gründe, die eine normative Wirklichkeit bilden und für oder gegen etwas sprechen, etwa nicht arbeitslos zu werden oder einen Mantel anzuziehen. Aber erst wenn ein Handlungssubjekt sich mit seinem verkörperten Geist die guten Gründe ermittelt und sich danach richtet, wird aus dem Handlungssubjekt eine Person, und zwar immer wieder aufs Neue. Das heißt, mit unserem verkörperten Geist ermöglichen wir gebrochene Weltbezüge, womit wir auch auf Distanz zur Welt gehen können. Unser Leib im Sinne von ‚Leib-haben’ und ‚Leib-sein’ entspricht aber keiner substanziellen Dualität, sondern besagt: Wir haben einen geistigen Körper und sind ein verkörperter Geist. Beide sind neuronal realisiert, aber auch kulturell bedingt. Jedoch können wir nur mit letzterem eine Person werden, was z.B. Affen und Hunde nicht können, wenngleich auch sie einen geistigen Körper haben. Ein geistiger Körper ist also nur eine notwendige Bedingung für Personwerdung, hinreichende Bedingungen hierzu sind ein vernünftiger Wille und ein Gewissen im Sinne einer Vergewisserung seiner selbst. Unser beseelter Leib verbindet somit drei Weltbereiche: Natur, Geist und den Raum der Gründe.

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