Dietmar Langer Geistiger Körper oder verkörperter Geist?
Zur postmodernen Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch?
Hamburg 2019, 216 Seiten
Zum Inhalt
Ausgangspunkt ist die uralte Frage: Was ist der Mensch? Es hat sich gezeigt, dass er weder bloß ein ‚homo neurobiologicus’ noch nur ein ‚homo sociologicus’ ist, sondern ein sich selbst verwirklichendes Handlungssubjekt im Sinne eines animal symbolicum, welches unter bestimmten Bedingungen eine Person werden kann, die als animal rationale auslegbar ist. Diese Bedingungen stehen im Buch zur Debatte.
Jeder Mensch ist vor allem ‚jemand’, während Steine und Computer, aber auch Pflanzen und Tiere ‚etwas’ sind. Und etwas kann nie jemand werden. Mit einer Ausnahme, nämlich der Mensch selber, er wurde in einer – aus Sicht eines einzelnen Menschen – sehr langen Zeitspanne aus einem Naturwesen ein potenzielles Vernunftwesen. An Darwins Evolutionslehre kommen wir heute nicht mehr vorbei, obgleich sie viele offene Fragen enthält. Vor allem ist jede völlige Naturalisierung des Geistes von Epikur über La Mettrie bis Dennett, Riedl, Vollmer und Roth bislang gescheitert.
Von Interesse ist deshalb nicht die Frage, ob das Gehirn unser Geist ist, sondern ob der Mensch im Sinne einer Ganzheit als Handlungssubjekt ein geistiger Körper oder ein verkörperter Geist ist. Unsere Antwort wird lauten: Jeder Mensch hat als Handlungssubjekt einen geistigen Körper und ist ein verkörperter Geist, dennoch ist er nicht stets eine Person im Sinne des animal rationale. Handlungssubjekte und Personen haben zwar einen geistigen Körper gemeinsam, mit dem sie zunächst und zumeist Denken, Glauben, Fühlen, Wollen und Handeln können, auch sind beide jeweils ein verkörperter Geist, aber eine Person handelt stets dergestalt, dass sie im Raum der Gründe gute Auffassungen von Gründen bildet und sich danach richten will und kann, was einer vernünftigen Selbstbestimmung entspricht. Ein Handlungssubjekt könnte dies zwar grundsätzlich auch, macht es aber aus irgendwelchen Gründen nicht. Von daher ist jeder Mensch ein Handlungssubjekt (animal symbolicum), aber nur eine potenzielle Person (animal rationale).
Der Mensch stellt vielfältige Weltbezüge her. Welt wird verstanden als alles, was der Fall ist. Sie umfasst drei Bereiche: Natur, Geist und den Raum der Gründe. Da der Mensch selbst ein Teil der Welt ist, stellt er auch Selbstbezüge her, die ein „Sich-Richten“ nach Gründen darstellen. Gründe kommen in der realen Innenwelt vor, etwa als Wunsch, reich zu werden, aber auch in der Außenwelt. Zum Beispiel ist Kälte ein Grund, einen Mantel mitzunehmen. Mit unserem geistigen Körper stellen wir ungebrochene Weltbezüge her und sind somit zugänglich für unterschiedliche Gründe, die eine normative Wirklichkeit bilden und für oder gegen etwas sprechen, etwa nicht arbeitslos zu werden oder einen Mantel anzuziehen.
Aber erst wenn ein Handlungssubjekt sich mit seinem verkörperten Geist die guten Gründe ermittelt und sich danach richtet, wird aus dem Handlungssubjekt eine Person, und zwar immer wieder aufs Neue. Das heißt, mit unserem verkörperten Geist ermöglichen wir gebrochene Weltbezüge, womit wir auch auf Distanz zur Welt gehen können. Unser Leib im Sinne von ‚Leib-haben’ und ‚Leib-sein’ entspricht aber keiner substanziellen Dualität, sondern besagt: Wir haben einen geistigen Körper und sind ein verkörperter Geist. Beide sind neuronal realisiert, aber auch kulturell bedingt. Jedoch können wir nur mit letzterem eine Person werden, was z.B. Affen und Hunde nicht können, wenngleich auch sie einen geistigen Körper haben.
Ein geistiger Körper ist also nur eine notwendige Bedingung für Personwerdung, hinreichende Bedingungen hierzu sind ein vernünftiger Wille und ein Gewissen im Sinne einer Vergewisserung seiner selbst. Unser beseelter Leib verbindet somit drei Weltbereiche: Natur, Geist und den Raum der Gründe.
Bibliografische Daten
| Autor | Dietmar Langer |
| Titel | Geistiger Körper oder verkörperter Geist? |
| Untertitel | Zur postmodernen Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch? |
| Seiten | 216 |
| Erscheinungsjahr | 2019 |
| Ort | Hamburg |
| ISBN (Print) | 978-3-339-10422-9 |
| eISBN (eBook) | 978-3-339-10423-6 |
| Schriftenreihe | BOETHIANA – Forschungsergebnisse zur Philosophie |
| Band | 151 |
Über Dietmar Langer
Dietmar Langer, geboren 1952 in Dentlein am Forst, ist Diplom-Pädagoge mit langjähriger Erfahrung in schulischer und hochschulischer Lehre. Von 1979 bis 2010 war er als Realschullehrer für Mathematik und Sport tätig, häufig auch in der Funktion des Klassenlehrers. Zwischen 2009 und 2014 lehrte er Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.
Seine wissenschaftliche Publikationstätigkeit begann in den 1980er-Jahren mit Beiträgen zur Sportdidaktik. Seit Mitte der 1990er-Jahre liegt sein Schwerpunkt auf erziehungsphilosophischen Fragen. Er veröffentlichte zahlreiche Fachaufsätze und Rezensionen, vor allem in der *Pädagogischen Rundschau*, wo er auch zwei Themenhefte verantwortete: eines zur Beziehung von Selbstbestimmung und Glauben (2019), ein weiteres zur Rolle der Erziehungsphilosophie in der Gegenwart (2023).
Bislang sind 29 Buchveröffentlichungen erschienen, darunter mehrere aktuelle Titel im Verlag Dr. Kovač, zuletzt Erziehung zur Vernunft. Irrtümer in der Theorie der Personwerdung und inwieweit wir uns langsam empor irren (2025), Evolution >und< Schöpfung – aber welche? (2024), der von ihm herausgegebene Sammelband Pädagogische Metaphysik (2024) sowie Warum die Erziehung des Geistes nicht veraltet ist (2023).
Weitere Bücher des Autors
Zur Dialektik von Sein und Sollen und ihrer Bedeutung für das Verhältnis von Ausbildung und Selbstbildung
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[...] Der Psychologe und Psychoanalytiker Dietmar Langer ist überzeugt: „Persönlichkeit braucht vernünftige, mündige, aufgeklärte, ganzheitliche Bildung“. Sie […]
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[…] Es ist nicht einfach, den vielfältigen Fragen gerecht zu werden, die Langer mit seinem Band aufgeworfen hat. Auf der einen Seite handelt es sich um eine […]
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Hamburg 2024
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[…] Insgesamt eignet sich das Werk Langers einerseits als Einstieg in die gewichtige Frage zur Diskussion um Freiheit oder Determinismus in der […]
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Zur Frage, ob, inwieweit und wie Verstand, Vernunft und Religion miteinander vereinbar sind
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Religiöser Glaube und Selbstbestimmung?
Zur Frage, ob man als Person an Gott glauben muss
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Zur Urrelation zwischen Mensch und Welt sowie ihrer Bedeutung für die Personwerdung
Hamburg 2018
Zum Verhältnis von Verstand, Vernunft, Vorrationalem und Mündigkeit
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Zur postmodernen Auslegung des Verhältnisses von Freiheit, Erziehung und Vernunft
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Warum es für Erzieher kein letztgültiges Bild vom Menschen geben soll
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