Forschungsarbeit: Religiöser Glaube und Selbstbestimmung?

Religiöser Glaube und Selbstbestimmung?

Zur Frage, ob man als Person an Gott glauben muss

BOETHIANA – Forschungsergebnisse zur Philosophie, Band 155

Hamburg , 184 Seiten

ISBN 978-3-339-10754-1 (Print)
ISBN 978-3-339-10755-8 (eBook)

Zum Inhalt

Der Begriff des religiösen Glaubens lässt sich nicht eindeutig definieren, weil er substanziell und funktional auslegbar ist. Somit sind mythische, transzendente, und existenzielle Aspekte sowie komplexitätsreduzierende, kontingenzbewältigende, psychologische, soziale und gesellschaftliche Komponenten zu berücksichtigen. Herkömmlich nimmt ein religiöser Glaube im engen Sinne jedenfalls Bezug auf die Überzeugung von der Existenz und Wirksamkeit von Mächten einer externen Transzendenz. Hochgötter, Monotheismus, Deismus, Pantheismus und Weltordnung sind mögliche Entwürfe transzendenter Realität.

Selbstbestimmung bedeutet, sich selbst zu führen. Wer dies tut, der denkt, glaubt und handelt selbständig nach dem Motto: ‚Ich will meinen eigenen Verstand zur Wahrheitssuche gebrauchen’. Inwieweit und wie religiöser Glaube und Selbstbestimmung vereinbar sind und welche Rolle die Vernunft dabei spielt, steht ebenso zur Debatte wie auch die heutigen vielfältigen Bedrohungen des religiösen Glaubens, etwa durch Befunde der Naturwissenschaften, sexuellen Missbrauch durch Kleriker, radikal dogmatisches Vorgehen von Konfessionen, Singularisierungstendenzen zur Gesellschaft der Ichlinge etc.

Jeder Mensch kann sich einen religiösen Glauben aneignen. Dies erfolgt zunächst und zumeist durch Fremdbestimmung aufgrund von Traditionen, etwa im Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus etc. Wenn der Mensch sich aber selbst bestimmt, kann dieser Glaube dadurch gestärkt, jedoch auch abgelehnt werden. Beide Standpunkte berufen sich dabei auf bestimmte Gründe und wollen somit ihre Selbstbestimmung untermauern. Im Buch wird für den kritischen Personalismus argumentiert, der als Kennzeichen der Person eine vernünftige Selbstbestimmung zugrunde legt, die als ein Sich-Richten nach guten Gründen zum Ausdruck kommt. Eine Person ist in der Lage, ihr rationales Vermögen zu realisieren und artikuliert zu gebrauchen, und das heißt, Verstand und Vernunft unter einen Hut zu bringen. Muss eine Person deshalb an Gott glauben? Oder gerade deshalb nicht? Bildlich gesprochen, stellt sich die Frage: Muss ich eigentlich ein Schaf sein, falls ein Gott mich erschaffen hat und mein Hirte ist? Die aus agnostizistischer Sicht begründete Antwort lautet: Eine Person als vernünftiges Handlungssubjekt kann an Gott glauben, muss es aber nicht, denn ein religiöser Glaube kann aufgrund einer immanenten Transzendenz auch im weiten Sinne als Glaube an das Gute (= Liebe, Vollkommenheit, Einheit des Lebens und Ehrfurcht vor dem Leben, Sinn des Sinns etc.) ausgelegt werden und sinnstiftend sein.

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