Sammelband: Macht des Wortes

Macht des Wortes

Studien zur Germanistik, Band 59

Hamburg 2016, 170 Seiten
ISBN 978-3-8300-8278-1

Der vorliegende Sammelband liefert interessante Einblicke in die Problematik der politischen Bevormundung mittels sprachlicher Instrumente. Untersucht werden diverse Techniken der Manipulation sowie eine exemplarische Auswahl an literarischen Werken, deren Protagonisten – verfangen im Netz der ihnen oktroyierten Wirklichkeitsbilder – zu agieren trachten. Der politische Machtmissbrauch und die daraus resultierende Suspendierung der allgemeingültigen moralischen Werte beweisen die destruktive Kraft des Wortes. Es kann aber auch im Dienste der Wahrhaftigkeit, der Humanität und der Menschenwürde verwendet werden.

Prof. Dr. habil. Boleslaw Andrzejewski:


Ängste, Aufklärungsoptimismus, Autorität, Christen, Drittes Reich, Englische Lyrik, Erster Weltkrieg, Gullivers Reisen, Hass, Innere Emigration, Kulturpolitik, Legitimation, Literaturwissenschaft, Manipulation, Mündigkeit, Nationalsozialismus, Politische Bevormundung, Sprachlenkung, Sprachlenkung in der DDR, Sprachmanipulation, Sprachwissenschaft, Unmündigkeit, Urteilskraft, Verunsicherung, Wahrhaftigkeit

Zum Inhalt

Himmel und Erde werden vergehen,
aber meine Worte werden nicht vergehen.
Lk 21,33

Mag dieses Bibelzitat die Endzeit der Menschheit prophezeien, seine Botschaft erinnert uns zugleich an die Macht des Wortes. Das heißt die Frage, welche Inhalte es mit sich bringt und verbreitet, sowie die Frage nach den Konsequenzen, die man sich von ihm erhofft. Verbreitet das Wort die Gebote der Wahrhaftigkeit, der Humanität und der Menschenwürde, oder sind es Mitteilungen, die unter der Berufung auf eine höhere Autorität lediglich Ängste, Hass und allgemeine Verunsicherung schüren? Werden die Menschen mithilfe des oktroyierten Wortes manipuliert, irregeleitet, bevormundet? Oder sehen sie im geschriebenen Wort die letzte Chance, das Gute und Edle zu erhalten, damit es nicht vergessen wird? Gegen die Allmacht der politischen Machthaber und trotz deren Bestrebungen, um das Wort für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Die Artikelsammlung ist ein Versuch, dem Leser diese Problematik näherzubringen und die unterschiedlichsten Facetten des aufgezwungenen Wortes, der Bevormundung wie auch der Auflehnung der Ungehorsamen zu schildern.

Der erste Aufsatz präsentiert die Welt der aufgeklärten Machtausübung, die im Prozess der Zivilisation humanisiert wird. "Gulliver‘s Travels" von Jonathan Swift konfrontieren uns mit der Frage nach der Urteilskraft und der Mündigkeit des sich formierenden bürgerlichen Subjekts, das sich im rational verkürzten Aufklärungsoptimismus zu behaupten trachtet. Dr. Dieter Fuchs erklärt, wie die ethisch losgelöste Vernunft dem Machtmissbrauch Tür und Tor öffnet. Untersucht wird das Blendungsmotiv in der Utopie und der Menippeischen Satire als Exempel der Verzeichnung von Wissen und Macht in geschlossenen und offenen Weltentwürfen.

Prof. Dr. habil. Klaus Hammer skizziert fünf Beispiele verfemter SchriftstellerInnen und innerer EmigrantenInnen in Hitler-Deutschland. Das politische Schlagwort der "Innerer Emigration", dessen Ursprung bereits in der Zeit des Dritten Reiches liegt, wird konnotiert mit der Diffamierung und der Verfolgung der Avantgarde unter dem Hitler-Regime. Die Betroffenen reagierten darauf mit Rückzug in die Innerlichkeit, Eskapismus, Verweigerung oder politischer Opposition, manche wurden zum Selbstmord getrieben. Analysiert werden Lebensläufe von Gertrud Kolmar, Elisabeth Langgässer, Stefan George, Jakob Wassermann und Ernst Wiechert - sowohl im Hinblick auf die kulturpolitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten als auch auf die jeweilige Reaktion der Schriftsteller in ihrem Werk. Sie haben daran geglaubt, dass der Geist der Literatur nie ein Fürsprecher der Gewalt sein kann.

Dieselbe Überzeugung findet man auch in der englischen Lyrik, die in der Zeit des Ersten Weltkrieges entstanden ist. Dr. Wojciech Klepuszewski schildert die Einzigartigkeit dieses poetischen Phänomens, das einer Überflutung glich und dem Bedürfnis entsprang, die Kriegsrealität nicht nur an der Front sondern auch aus der Perspektive der Beobachter und Mitgestalter wiederzugeben. Der anfängliche Enthusiasmus ("Happy is England now" von John Freeman) wurde schnell abgelöst durch erschütternde Kritik des Kriegsgeschehens ("Base Details" von Siegfried Sassoon), die sich bis zur Empathie mit dem gegnerischen Soldaten ("To Germany" von Charles Sorley) steigerte.

Dr. Anna Nieroda-Kowal geht in ihrem Beitrag auf die Sprachmanipulation in der DDR, die man offiziell als Sprachlenkung bezeichnete. Es werden diverse Techniken, Verschleierungsmethoden und Systembezogenheit geschildert, die den kommunistischen Machthabern als Instrumente zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele dienten. Hauptsächlich waren das die Festigung der Staatsordnung, sowie Bildung eines dauerhaft separaten Staates und einer neuen Nation. Mit solchen sprachlichen Mitteln wie z. B. häufig wiederholte "getarnte Meinungssätze" (Der Soldat ist tapfer) oder die Trivialisierung der Realität (Werbe- und Schlagertexte, Groschenromane, Show-Sendungen im Fernsehen) – wird der Prozess der Abrichtung gefördert, politische und gesellschaftliche Unmündigkeit verursacht.

Im Aufsatz von Dr. Anna Mrozewska werden Fragen der gewaltsamen Beseitigung einer usurpatorischen bzw. rechte Macht pervertierenden Obrigkeit im Licht der christlichen Sozialethik erörtert. Reinhold Schneider, ein katholischkonservativer Publizist, der in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft zu den "unerwünschten" Autoren gehörte, thematisierte in seinem erzählerischen Werk ("Das getilgte Antlitz", "Das Attentat", "Taganrog") das politische Agieren des Christen. Seine gegen das herrschende System rebellierenden Protagonisten hinterfragen keinesfalls die Autorität der Krone, kämpfen aber für die Restitution der gottgefälligen Ordnung. Analysiert wird somit die Problematik der Revolution im Namen Christi und die moralische Legitimation des Tyrannenmordes.

Zur Herausgeberin

Dr. Anna Mrozewska, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuphilologie der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Technischen Universität Koszalin, promovierte an der Universität Poznan. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Literatur des Vormärz, der Weimarer Republik und des Dritten Reiches.



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