Doktorarbeit: Strickers Karl der Große

Strickers Karl der Große

Analyse der Über­lieferungs­geschichte und Edition des Textes auf Grundlage von C

Schriften zur Mediävistik, Band 18

Hamburg 2010, 650 Seiten
ISBN 978-3-8300-5245-6

Rezensionen

Selten ist eine Dissertation so willkommen wie diese. [...] Daher ist es um so dankenswerter, dass Kollegin Weber nicht nur ihre Analysen, sondern auch einen brauchbaren Text aus ihrer Arbeitsgrundlage zur Verfügung gestellt hat. [...] Jedenfalls aber ist dringend zu hoffen, dass die Dissertation anregend für weitere, auch interdisziplinäre und kulturgeschichtliche Arbeiten wirkt [...].

Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, MIÖG Band 122, Heft 1 (2014)

Dass der Karl nur in einer unzureichenden, mehr als 150 Jahre alten Edition vorliegt, ist oft beklagt worden. Weber zieht jetzt die Konsequenz aus dieser Situation. Ihre Arbeit [...] umfasst, nach einer Neubeschreibung sämtlicher erhaltener Textzeugen, eine intensive Auseinandersetzung mit der Überlieferungssituation. Dabei gelingt es, einige bislang gültige Forschungsannahmen zu korrigieren und die den Textbestand vermittelnden Zeugnisse in zwei voneinander unabhängige Redaktionen einzuordnen. Der 2. Teil bietet die Neuausgabe auf der Grundlage des St. Galler Cod. 857 (Hs. C). Die Wahl dieser Hs. als Repräsentant der einen Textgruppe ist gut begründet; synoptisch gegenübergestellt werden die Plus- und Minusverse der anderen Redaktion. Kritische Apparate zu den beiden Redaktionen verzeichnen die Varianten, ein weiterer Apparat dokumentiert die Eingriffe in den Wortlaut von C. Ein knapper Kommentar sowie ein Namenregister beschließen die gelungene Edition.

Germanistik, Bd. 51 (2010), H. 3-4, S. 719f.


Der Stricker, Editionswissenschaft, Epik, Karl der Große, Literaturwissenschaft, Mittelalterliches Epos, Rolandslied, Sprachwissenschaft, Überlieferungsgeschichte

Zum Inhalt

Die mittelalterlichen Epiker haben bekannte Helden hervorgebracht, die uns immer noch faszinieren: Alle paar Jahre werden die Geschichten um Siegfried, Parzival, Artus oder Tristan und Isolde neu aufgelegt, sei es in Form von Romanen, von Jugendbüchern oder Filmen. Die Hand­lungs­stränge der Erzählungen sind meist bekannt, doch die Details liegen häufig immer noch im Dunkeln: Da keine Originale der damaligen Dichter vorhanden sind, müssen wir uns auf die erhaltene Überlieferung stützen, die bei zahlreichen Epen lückenhaft bzw. verschwindend gering ist, so dass bei einigen Versen und Versbereichen ihre Aussage oder ihr eigentlicher Umfang unsicher ist.

Anders ist der Überlieferungsumfang bei einem Werk des in heutiger Zeit fast vergessenen Dichters, der sich der Stricker nennt: Sein Karl der Große wurde ab der Mitte des 13. Jahrhunderts so zahlreich ab­ge­schrieben, dass sich noch 24 nahezu vollständige Handschriften und 25 Fragmente aus 21 weiteren Textzeugen erhalten haben.

Strickers Karl der Große ist die Neubearbeitung des etwa um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstandenen Rolandsliedes des Pfaffen Konrad: Der Neffe Karls, Roland, wird nach einem erfolgreichen Kriegszug des Kaisers mit einer Nachhut in Nordspanien zurückgelassen, und stirbt durch den Verrat seines untreuen Stiefvaters nach Kämpfen mit den Heiden. Die zahlreichen erhaltenen Handschriften und Fragmente zeugen vom Interesse des mittelalterlichen Publikums an dieser Thematik. Umso erstaunlicher ist die stiefmütterlicher Behandlung des Epos durch die Germanistik in den letzten anderthalb Jahrhunderten: Zwar erschien 1857 eine Edition des Werkes durch Karl Bartsch, die 1965 noch einmal aufgelegt wurde, doch ist dieser Text höchstens noch über Antiquariate käuflich zu erwerben. Nach heutigen editionswissenschaftlichen Maßstäben ist Bartschs Edition zudem höchst unbefriedigend, weil er die überwiegende Anzahl der Textzeugen entweder bewusst nicht einsah oder nicht kannte.

Diesem Manko nimmt sich das Buch an: Nach einer genauen Analyse aller bekannten Textzeugen wird – durchaus der Vorgehensweise der Edi­tions­wis­sen­schaft­ler des 19. Jahrhunderts verpflichtet – ein Hand­schrif­ten­stemma erstellt. Im zweiten Teil wird mit Hilfe der erarbeiteten Grundlagen eine Edition vorgenommen, welche allerdings, da auf dem Leithandschriftenprinzip aufbauend, der modernen Editionswissenschaft folgt.



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