Doktorarbeit: Führungsanspruch und Einheitsdrang

Führungsanspruch und Einheitsdrang

Der Zentralausschuss der SPD im Jahre 1945

Studien zur Zeitgeschichte, Band 28

Hamburg 2002, 504 Seiten
ISBN 978-3-8300-0770-8 (Print)

Rezension

[...] zeigt Loeding, dass sich die damaligen Akteure der Parteien nicht zonal, sondern gesamtdeutsch orientierten und ihre Entscheidungen in diesem Kontext gesehen werden sollten. Zugleich wendet er sich gegen das vor allem im Westen vorherrschende Bild einer Zwangsvereinigung der Parteien und zeichnet ein differenzierteres Bild der Vorgänge.

Silke Becker, in:
Portal für Politikwissenschaft, 01.01.2006

Geschichtswissenschaft, Hermann Brill, KPD, Kurt Schumacher, Otto Grotewohl, Politik, Sowjetische Besatzungszone, Sozialwissenschaft, Zeitgeschichte

Zum Inhalt

Mit der am 10. Juni 1945 durch die SMAD erfolgten frühzeitigen Zulassung von Parteien in Berlin und der SBZ fühlte sich der ZA der SPD in Berlin dazu berufen, den Neuaufbau der SPD in Gesamtdeutschland zu organisieren. Für den ZA der SPD hatten die deutschlandpolitischen Pläne der sowjetischen Besatzungsmacht im Vergleich zu den Westalliierten hoffnungsvollere und vielversprechendere Ansätze, hatte der ZA im Juli/August durch die SMAD Ermutigung erhalten, wie keine der Westmächte sie einer demokratischen Partei zuteil hat werden lassen. Mit den alliierten Beschlüssen der Potsdamer Konferenz verband der ZA die Erwartung, dass auch in den westlichen Besatzungszonen die Bildung von Parteien erlaubt wird. Für ihn war die politische und wirtschaftliche Einheit Deutschlands unbestreitbar.

Unabhängig vom ZA der SPD in Berlin hatte sich nach der Befreiung durch die Westmächte in Hannover das SPD-Büro Schumacher gebildet. Zwischen den politischen Grundpositionen der Berliner SPD-Führung und der politischen Konzeption Schumachers bestand Übereinstimmung in der Frage der Führungsrolle der SPD in Deutschland. Daher erschien es auf ZA-Seite im Vorfeld der Wennigsener Konferenz denkbar, dass die bestehenden Gegensätze über das Verhältnis zur KPD einvernehmlich zu lösen seien und damit der Weg für den Aufbau einer SPD-Reichspartei frei sein werde.
Schumacher zeigte auf der Wennigsener Konferenz keine Kompromissbereitschaft in Fragen einer gesamtzonalen SPD, wie sie der ZA in Berlin anstrebte. Damit wurde die Möglichkeit einer geeinten Sozialdemokratie vertan, um der von Grotewohl und anderen nichtkommunistischen Parteiführern erkannten Teilungsgefahr Deutschlands entgegenzuwirken. Diese Feststellung ist gänzlich unabhängig von der Tatsache zu treffen, dass sich die Teilung Deutschlands dennoch als unabwendbar erweisen sollte, was gegen Ende 1945 zwar erkennbar war, aber noch nicht zwangsläufig kommen musste.

Der Bruch lieferte die sowjetzonale SPD dem Zugriff von KPD und SMAD aus, ohne dass sie bei ihren westzonalen Gesinnungsgenossen Unterstützung und Rückhalt fand. Damit war der besonders von Grotewohl vertretene Kurs auf Unabhängigkeit und Selbständigkeit der Ost-SPD mehr als gefährdet, da die KPD-Führung ihre im Juni 1945 vertretene Ablehnung einer Vereinigung beider Parteien aufgab und jetzt eine Kampagne zur Vereinigung von SPD und KPD nur in der SBZ entfesselte, die im November 1945 voll entbrannte und von der Forderung der KPD begleitet war, gemeinsame Listenverbindungen bei kommenden Wahlen aufzustellen. Dies lehnte der ZA ab, weil er immer noch auf ein Einvernehmen mit Schumacher im Hinblick auf den Aufbau einer SPD-Reichsorganisation setzte.

Die Parteiausschusssitzung am 4./5. Dezember 1945 brachte die schwierige Lage der Ost-SPD zutage. In dieser Situation richtete der Zentralausschuss seine Hoffnung wieder auf die West-SPD. Abermals sollte der Versuch unternommen werden, Schumacher zur organisatorischen Zusammenarbeit mit dem Zentralausschuss zu bewegen. Gleichzeitig sah sich der ZA dem Drängen der KPD-Führung und der SMAD ausgesetzt, der Abhaltung einer Konferenz von SPD und KPD mit Vertretern aus den Ländern und Bezirken zuzustimmen.

Die Verhandlungen mit Schumacher führten zu keinem Ergebnis. Dieser zeigte kein Interesse an einer Übereinkunft mit dem ZA der SPD in Berlin. Damit schwanden die Hoffnungen der Berliner Parteiführung, auf der Konferenz als Sprecher einer gesamtdeutschen Sozialdemokratie aufzutreten zu können. Wenngleich der ZA die Ergebnisse der 1. Sechziger Konferenz als Erfolg bewertete, war er bestenfalls ein Pyrrhussieg. Zwar hatten die Sozialdemokraten ihre Vorbehalte gewahrt, doch sollte sich als schwerer Fehler erweisen, dass diese nicht explizit in der Abschlusserklärung genannt wurden. Dadurch entstand der Eindruck, als wäre der ZA auf den Vereinigungskurs der KPD eingeschwenkt. Mit der gemeinsamen Entschließung war im Grundsatz die Entscheidung zur Schaffung einer Einheitspartei gefallen. Beide Parteien hatten sich gebunden.

Die konkreten Handlungsbedingungen für die SPD wurden dadurch verschärft, als Schumacher noch während der Weihnachtsfeiertage 1945 für Januar 1946 SPD-Konferenzen in den Westzonen einberief, die die Ergebnisse der 1. Sechziger Konferenz grundsätzlich ablehnten. Damit wurde die Forderung des Zentralausschusses der SPD nach einem Reichsparteitag und einer gesamtdeutschen Lösung der Vereinigung von KPD und SPD hinfällig.



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