Forschungsarbeit: Technik als Macht

Technik als Macht

Versuche über politische Technologie

BOETHIANA – Forschungsergebnisse zur Philosophie, Band 79

Hamburg , 396 Seiten

ISBN 978-3-8300-3119-2 (Print)
ISBN 978-3-339-03119-8 (eBook)

Zum Inhalt

Bislang wurde in der kritischen Theorie oder auch bei Jürgen Habermas Technik unter den Kategorien der Herrschaft und Knechtschaft, der Instrumentalisierung, Unterwerfung und Versklavung von Natur und Menschen begriffen. Nun sind Herrschaft und Knechtschaft primär-politische bzw. soziologische Begriffe der Über- und Unterordnung, also eine Frage der gesellschaftlichen Hierarchisierung. Herrschaft entstammt der gesellschaftlichen Ordnungstradition seit Aristoteles und geht über Hegel zu Marx. Der Herrschaftsbegriff lässt sich nicht besonders gut auf Technik anwenden, denn Technik ist charakterisiert durch Ungleichheit in der Ausformung technischer Praxis und Gleichheit der Funktionsprinzipien. In der Tat mündet eine solche Betrachtungsweise von Herrschaft angewandt auf die Technik bzw. moderne Technologie in die Technokratiebewegung, den Kontroll- und Steuerungswahn ingenieurmäßiger Prägung, der insbesondere den Produktionsablauf steuern will und direkt in Formen der Planwirtschaft führt.

Nach marxistisch-leninistischer Auffassung ergibt sich Macht aus den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen. Der marxistische Herrschaftsbegriff bleibt also in der gängigen Interpretationstradition seit Aristoteles. Technik aber ist ein wesentlicher Faktor bei der Konstitution der Gesellschaft und keineswegs bloß ihr Produkt. Die neolithische Revolution und die Urbanisierung als technische Paradigmen sind überhaupt Voraussetzung für die Konstitution von Gesellschaften. Es sind also nicht allein die zwischen Menschen bestehenden Herrschaftsverhältnisse, die eine Gesellschaftsstruktur konstituieren, sondern auch die entsprechende Technikhöhe und die leitenden technologischen Paradigmen, natürlich auch die technisch induzierte und hervorgebrachte Infrastruktur. Neben den ökologischen Rahmenbedingungen von Zivilisationen treten die technologischen Strukturen als fundamentale Rahmenbedingungen für die gesellschaftliche Entwicklung. Beide Faktoren wurden zunächst in der klassischen Theorie seit Aristoteles bis zu Marx übersehen.

Technologie ist zum dominanten Faktor kulturellen und gesellschaftlichen Wandels geworden und wird an Bedeutung noch zunehmen. Sie war aber auch in früheren Zeiten der Menschheit erheblich bedeutsamer, als dies eine eurozentrisch-wissenschaftsorientierte Interpretationsperspektive seit 2.500 Jahren zumindest in der Philosophie uns glauben machen will. Insbesondere das abendländische Verdikt über instrumentelle Vernunft als bloßes Herstellen hat immer wieder ein angemessenes Verständnis von Technik und Technologie verhindert. Gelegentlich wurde über die Machbarkeit von Technik philosophiert und ethische Grenzziehung für die Macht der Technik und der Ingenieure gefordert. Das Hybris-Modell von Technik und vor allem von moderner Technologie beruht aber auf einem fundamentalen Missverständnis von Technik und Technologie, welches Technik und Humanität bzw. Technik und Kultur als Gegensätze interpretiert und meistens den Machtaspekt idealistisch übersieht oder generell Missbrauch wittert. Aber auch die Ingenieure ignorieren in der Regel den Machtaspekt von Technik und seine fundamentale kulturelle Bedeutsamkeit.

Technikentwicklung ist keine Einbahnstraße. Wir leben bereits in alternativen Modernitäten nichteurozentrischer Art und brauchen sie nicht erst zu suchen, wie es uns die neue amerikanische Technikkritik glauben machen möchte. Alternative Modernität ist nicht automatisch die bessere Modernität, wie wir am gegenwärtigen Terrorismus ablesen können, der ebenfalls ein Kind technologischer Macht ist. Technik war schon vor der menschlichen Sprache Kulturfaktor und damit Faktor menschlicher Macht. Sie hat Gesellschaftsformen entscheidend mitgeprägt, wurde aber auch von gesellschaftlichen Kräften in bestimmte Entwicklungsrichtungen gedrängt. Der Gedanke einer politischen Technologie gibt dem Konzept einer Technologie-Reflexions-Kultur eine spezifische Akzentuierung.

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