Tagungsband: Täter als Opfer?

Täter als Opfer?

Deutschsprachige Literatur zu Krieg und Vertreibung im 20. Jahrhundert

POETICA – Schriften zur Literaturwissenschaft, Band 100

Hamburg 2007, 200 Seiten
ISBN 978-3-8300-3010-2 (Print & eBook)

20. Jahrhundert, Arno Schmidt, Bernhard Schlink, Erinnerungsdiskurs, Erinnerungsliteratur, Erster Weltkrieg, Günter Grass, Historische Schuld, Holocaust, Jugoslawien, Literaturwissenschaft, Luftkrieg, Nachkriegsliteratur, Nachkriegszeit, Peter Handke, Shoa, Uwe Johnson, Vertreibung, Viktimisierung, Walter Kempowski, Winfried Georg Sebald, Zweiter Weltkrieg

Zum Inhalt

Ob es jemals einem Tabubruch gleichkam, öffentlich über das Leid zu sprechen, das auch nicht vom Hitler-Regime verfolgte Deutsche im und nach dem Zweiten Weltkrieg zu erdulden hatten, ist in den letzten Jahren immer wieder kontrovers diskutiert worden. Unleugbar dürfte indes sein, dass die Thematisierung des Schicksals der von den Bombenangriffen der Alliierten oder von Flucht und Vertreibung Betroffenen heute eine breite gesellschaftliche Akzeptanz erfährt.

Dass sowohl die Literatur als auch Literaturkritik und -wissenschaft diese Entwicklung teils nachhaltig befördert, teils ausgesprochen kritisch begleitet haben, dass sie jedenfalls zu keinem Zeitpunkt abseits standen, lässt sich schwerlich übersehen. So provozierten W. G. Sebalds Vorlesungen über Luftkrieg und Literatur (1999) oder Günter Grass’ Novelle Im Krebsgang (2002) nicht allein eine Fülle germanistischer Arbeiten, sondern trugen obendrein zur Etablierung eines über diesen Bereich hinausgehenden mentalitätsgeschichtlichen Diskurses bei. Zumindest implizit kreiste dieser vielfach um die Frage, inwieweit es gerechtfertigt sein kann, Deutsche als Opfer der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs darzustellen.

Die politische Brisanz dieser Frage findet in den Beiträgen des Bandes zwangsläufig ihren Niederschlag. Dem widerspricht es jedoch keineswegs, dass die Aufsätze nicht zuletzt analysieren, welcher ästhetischen Verfahrensweisen sich die in ihnen behandelten Werke bedienen, um gewisse Figuren oder Figurenkollektive als Opfer, andere hingegen als Täter erscheinen zu lassen. Beleuchtet wird ferner, auf welche Weise der Übergang von einem Täter- in einen Opferstatus (und vice versa) bzw. das simultane Vorhandensein von beidem inszeniert wird. Diskutiert werden in diesem Zusammenhang unter anderem Texte von Grass, Johnson, Kempowski, Schlink, Arno Schmidt und Sebald.

Um eine vergleichende Perspektive zu eröffnen, werden auch einige Werke untersucht, die nicht dem Zweiten Weltkrieg oder seinen Folgen gewidmet sind. So geraten ebenfalls Viktimisierungen in den Blick, wie sie im Anschluss an den Ersten Weltkrieg literarisch konstruiert wurden, etwa von Grimm, Johst, Salomon. Überdies wird auf Handkes umstrittene Arbeiten zu den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien eingegangen.

Die Beiträge im Einzelnen

ANNE-ROSE MEYER:
Ästhetische und ethische Dimensionen der Täter-Opfer-Problematik in W.G. Sebalds Luftkrieg und Literatur

RUTH FLORACK:
Köpfchen in das Wasser, Beinchen in die Höh’. Anmerkungen zum Verhältnis von Opfern, Tätern und Trauma in Günter Grass’ Novelle
Im Krebsgang

JAN PHILIPP REEMTSMA:
Flucht und Vertreibung bei Arno Schmidt und Walter Kempowski

AMIR MUHIĆ:
Opfer oder Täterin? Zur Figur der Lisbeth Cresspahl in Uwe Johnsons Jahrestage

ANDREAS F. KELLETAT:
"was treibt dich her Tourist“ Die Erinnerung an Krieg und Vertreibung, an Täter und Opfer in Lyrik und Prosa Manfred Peter Heins

THOMAS ROTHSCHILD:
Unschuldig schuldig? Bernhard Schlinks Hanna Schmitz und Ödön von Horváths Sladek

GREGOR STREIM:
Die ‘deutsche Passion‘. Der heroische Opferdiskurs in der völkisch-nationalistischen Literatur der Zwischenkriegszeit

STEFAN HERMES:
Täter- und Opfermythen in der Kolonialliteratur. Von Gustav Frenssens Peter Moors Fahrt nach Südwest zu Hans Grimms Volk ohne Raum

LOTHAR BLUHM:
Peter Handkes Serbienbücher. Versuch einer kulturwissenschaftlichen und poetologischen Einordnung



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