Doktorarbeit: Sonderpädagogik im Spannungsfeld zwischen Ideologie und Tradition

Sonderpädagogik im Spannungsfeld zwischen Ideologie und Tradition

Zur Geschichte der Sonderpädagogik unter besonderer Berücksichtigung der Hilfsschulpädagogik in der SBZ und der DDR zwischen 1945 und 1952

Studien zur Schulpädagogik, Band 18

Hamburg 1999, 426 Seiten
ISBN 978-3-86064-946-6 (Print)

DDR, Hilfsschulen, Lernbehinderte, Pädagogik, SBZ, Sonderpädagogik, Sonderschule, soziales System, Systemtheorie

Zum Inhalt

Diese Arbeit versteht sich als Beitrag zur Darstellung der Geschichte der DDR bzw. SBZ und zur Geschichte der Sonderpädagogik und speziell der Hilfsschule. Außerdem wird über die Analyse des Bedingungsgefüges des Sonderschulwesens in der SBZ und der DDR ein Beitrag zur Schultheorie aus systemisch-historischer Sicht geleistet. Ziel der Autorin ist, das System der sonderpädagogischen Beschulung in seinem vielfältigen historischen, kulturellen, ökonomischen, sozialen und politischen Beziehungsgeflecht innerhalb des Gesellschaftssystems der SBZ und der DDR zu erfassen, zu analysieren und zu deuten. In Anlehnung an Luhmanns Theorie der sozialen Systeme wird das Zustandekommen und das Funktionieren des sonderpädagogischen Systems in den ersten Jahren nach 1945 analysiert.

Die Autorin geht davon aus, dass Sonderpädagogik als Ergebnis systemsoziologischer Differenzierung zu betrachten ist. Demnach liegt systemtheoretisch der Sinn der Existenz von Sonderschulen in der Komplexreduktion, i.S. der Differenzierung des Volksschulwesens bezüglich der unterschiedlichen Lern- und Leistungsmöglichkeiten ihrer Schüler. Daher ist zu fragen, ob die Entstehung und Entwicklung eines Sonderschulwesens in der SBZ und der DDR ebenfalls - systemsoziologisch betrachtet - eine Folge der Ausdifferenzierung des Schulsystems ist.

Als Gegenthese lässt sich die Frage formulieren, ob aufgrund veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen Funktionen des Systems und systeminterne Strukturen aufgebrochen und aufgelöst worden sind, ob also das nach 1945 entstehende neue Schulsystem in der Lage war, der Heterogenität der Schüler hinsichtlich ihrer Lern- und Leistungsmöglichkeiten und somit dem eigenen Anspruch, eine „Schule für alle Kinder“ zu sein, gerecht zu werden. Aus der Reflexion der Zusammenhänge zwischen System und Umwelt, d.h. zwischen Gesellschaft, Allgemeiner Schule und Sonderschule, ergibt sich die Hauptfragestellung der Arbeit: Welche inneren und äußeren Faktoren i.S. von Funktionszusammenhängen waren für das System der Beschulung von behinderten bzw. beeinträchtigten Kindern und speziell von Hilfs- bzw. lernbehinderten Schülern in dieser Zeit repräsentativ und relevant?

Eingebunden in diese Frage ist die Überlegung, welchem Wandel dieses System aufgrund externer und interner Einflüsse unterlag bzw. welche Traditionen aus vorherigen historischen Epochen wie der Weimarer Republik bzw. der Zeit des Nationalsozialismus fortgeführt wurden. Ebenso erhebt sich die Frage nach pädagogischen Traditionen, nach überlieferten Gewohnheiten, traditionellen Handlungsmustern sowie nach personellen Kontinuitäten und Brüchen. Zeitlich orientiert entsteht die Frage, ob das Jahr 1945 in der Geschichte der Sonderpädagogik der DDR einen Wendepunkt, den Beginn einer Reform oder Restauration bzw. einen Neubeginn darstellt. Angesichts der Situation nach Kriegsende, in der, wie häufig in Zeiten des Umbruchs und tiefgreifender gesellschaftlicher Wandlungen, Wünsche nach grundsätzlichen Veränderungen wach wurden, entsteht eine weitere grundsätzliche Frage dieser Arbeit: Gab es Alternativen in der Betreuung behinderter Kinder? Lassen sich eventuell Tendenzen aufzeigen, die der Etablierung eines institutionell differenzierten und separierenden Schulsystems kritisch bzw. ablehnend gegenüber standen?



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