Forschungsarbeit: Italiens Österreichpolitik 1934–1938

Italiens Österreichpolitik 1934–1938

Studien zur Zeitgeschichte, Band 91

Hamburg 2014, 156 Seiten
ISBN 978-3-8300-7518-9 (Print & eBook)

Achse Rom-Berlin, Außenpolitik, Diplomatie, Faschismus, Italien, Mussolini, Österreich, Zwischenkriegszeit

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Als am 25. Juli 1934 die österreichischen Nationalsozialisten gewaltsam die Macht in Wien an sich reißen wollten, trat diesem Putschversuch kein Land so energisch entgegen wie das faschistische Italien, das vier Divisionen an die österreichische Grenze verlegte. Als im März 1938 Hitler mit brachialen Methoden den ‘Anschluss’ Österreichs an das Deutsche Reich durchsetzte, reagierten die anderen europäischen Regierungen darauf mit Besorgnis und teilweisen mit Protesten – mit Ausnahme Mussolinis, der in einer Rede vor dem Parlament den ‘Anschluss’ ausdrücklich begrüßte und als natürlichen Vorgang darstellte.

Welche Gründe und Überlegungen veranlassten Italien zu einer so radikalen Änderung seiner Politik gegenüber Österreich? Grundvoraussetzung dafür, dass Italien auf der internationalen Bühne eine gewichtige Rolle spielen konnte war, dass es zwei Mächte oder Machtblöcke gab, die um die Gunst Italiens warben und die Rom gegeneinander ausspielen konnte. Man stellte sich stets auf diejenige Seite, die Italien mehr bieten konnte, ohne sich je langfristig bzw. auf Gedeih und Verderb an eines der beiden Lager zu binden. Daran änderte sich auch nichts mit der Berufung Mussolinis zum Ministerpräsidenten im Herbst 1922. Italiens Außenpolitik blieb im ersten Jahrzehnt des Faschismus an der Macht im Gegenteil vollkommen traditionell, ausgesprochen unideologisch und strikt an nationalen Interessen orientiert. Von ideologischer Affinität zum nationalsozialistischen Deutschland, gar von Sympathie für das Hitler-Regime war anfangs nichts zu spüren; Rom hielt auch an der Garantie der Unabhängigkeit Österreichs fest, ja baute seine Rolle als dessen Schutzmacht aus. Vielmehr versuchte Mussolini, den kolonialen Preis, den die Westmächte für die Aufrechterhaltung des fragilen Friedens in Europa zahlen sollten, hochzutreiben. Die Österreich-Frage, in der völlige Übereinstimmung zwischen Rom, Paris und London bestand, war jedoch für Frankreich und England nicht so zentral, dass man dafür signifikante Opfer andernorts gebracht hätte.

Die sich letztlich herausbildende ‘Achse Rom-Berlin’ war also aufgrund der Gegebenheiten der internationalen Politik bis Mitte der 1930er Jahre alles andere als zwangsläufig. Dass sie doch zustande kam, ist – so die zentrale These des vorliegenden Buches – einer fatalen Fehlkalkulation in der Außenpolitik der demokratischen Westmächte zuzuschreiben. Paris und London waren sich nicht darüber einig, wo und von wem die größte Gefahr drohte – Hitler oder Mussolini? Speziell in London scheint man die Rhetorik beider Diktatoren für bare Münze genommen und Hitler für zähmbar gehalten zu haben. Das Buch kommt zu dem Schluss, dass die Österreich-Frage nur die allgemeine Mächtekonstellation widerspiegelte und dass für deren Veränderung vor allem Großbritanniens völlig überzogene Reaktion auf Italiens Kolonialkrieg in Abessinien verantwortlich war. Italien hätte die Existenz Österreichs als eigenständiger Staat gerne gesichert; man war aber nicht bereit, dies ganz allein sowie auf Kosten eines großen Krieges mit dem Deutschen Reich zu tun. Zudem war man sich in Rom klar darüber, dass in Österreich selbst weder die Unabhängigkeit des Landes noch das bestehende autoritäre Regime noch gar die Schutzmacht Italien auf mehrheitliche Unterstützung in der Bevölkerung zählen konnte. Die Österreicher strömten vielmehr in Scharen den Nationalsozialisten zu. So fügte sich Mussolini letztlich in das Unvermeidliche.



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