Forschungsarbeit: Zeichen der Ästhetik

Zeichen der Ästhetik

Kunst, Kultur und Kalligraphie zwischen Tradition und Bedeutungsvielfalt

Schriften zur Kulturwissenschaft, Band 78

Hamburg 2009, 284 Seiten
ISBN 978-3-8300-3764-4

Rezension

[...] Kenntnisreich erklärt das Buch die historischen Brüche und Strömungen wie die "Moderne Kalligraphie", den Retro-Trend der "Neuen Klassik" und die sogenannte "Kalligraphismus-Bewegung".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 42, 19.2.2010, S. 34

Ästhetik, Kalligraphie, Kulturtheorie, Kulturwissenschaft, Kunstsoziologie, Postmoderne, Schrift, Sinologie

Zum Inhalt

Einerseits ist die Kunst ein autonomes Gebiet mit eigenen Regeln, die für keinen anderen kulturellen Bereich gelten. Kunst setzt sich ihre Grenzen selbst, und auch das, was nicht zur Kunst gehört, kann ästhetisch vereinnahmt werden. Andererseits ist die Kunst unabhängig von den gesellschaftlichen Einflüssen, die sie bestimmen, prägen und vorantreiben, schlichtweg nicht vorstellbar. Kunst ist das Produkt sozialer Prozesse und kann den Verweis auf ihre gesellschaftliche Verwurzelung nicht ablegen. Wie ästhetische Traditionen aufgegriffen, fortgeführt, verändert und variiert oder aber abgelehnt und unterbrochen werden ist folglich nicht nur eine kunstinterne, sondern auch eine sozialwissenschaftliche Frage. Dies gilt für die nicht enden wollende Debatte um die Sinndimension des Ästhetischen ebenso wie für die Transformationen konkreter ästhetischer Erscheinungsformen.

Um zu erkennen, was Kunst als Teilsystem der Gesellschaft leistet, ist es unumgänglich, auf den Aspekt der Bedeutungsfahndung einzugehen. Denn Kunst verrät ihre Geheimnisse nicht auf den ersten Blick. Die kunstsoziologische Analyse offenbart, dass ästhetische Gebilde zwar oft wie Verweise wirken, die auf etwas anderes hindeuten, zugleich aber selbst ein Anderes sind, das sich dieser Zeichenstruktur möglicherweise verschließt. Über die Bedeutung in der Kunst lässt sich nur in Verbindung mit der Kunst der Bedeutungsfindung sprechen; das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Im Anschluss an diese Grundlegung folgt die sinologische Analyse eines konkreten Beispiels für die Zeichenhaftigkeit der Ästhetik und die Ästhetisierung von (Schrift)zeichen. Mehr als nur Schrift und mehr als nur Kunst, ist die chinesische Kalligraphie Gebrauchsgut und ästhetischer Gegenstand in einem. Basierend auf einer über Jahrtausende hinweg kaum variierten Tradition wurde die Schriftkunst im Reform-China der 1980er Jahre sowohl im Zuge des erstarkten westlichen Einflusses als auch hinsichtlich der Wiederentdeckung der eigenen Geschichte neu betrachtet. Die daraus hervor gehenden Formexperimente betreiben eine Spiegelung von Neu und Alt und bilden einen Kristallisationspunkt von Abstraktion, Metaphorik, Kulturkonstruktivismus und nationaler Identitätsbildung. In der Auseinandersetzung zwischen künstlerischer Freiheit und funktionaler Vereinnahmung verkörpern sie überdies beispielhaft den Widerstreit von Moderne und Postmoderne.

Die Auseinandersetzung mit Ästhetik provoziert unablässig die Frage, welche Debatten und Impulse inner- und außerhalb der Kunst Einfluss ausüben auf die Gestaltung der Werke, auf die Verstehbarkeit ihrer Inhalte und auf die Präsenz der Zeichen, die dabei im Raum stehen. Die soziologische Perspektive soll helfen, den Rahmen für die Bedingungen der Möglichkeit von Sinnsuche und Bedeutungsfahndung in der Kunst abzustecken. Die sinologische Sicht bringt anhand der Kalligraphie den Nachweis, dass in Zeiten des Umbruchs die Essenz einer ästhetischen Tradition auch dadurch bewahrt werden kann, dass sie verändert wird.

Link des Autors

Anett Dippner: Institut für Orientalische und Ostasiatische Philologien
der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt

    

Kontakt



Informationen über das Veröffentlichen wissenschaftlicher Arbeiten.

nach oben