Studie: Fahreignung und Arbeitsfähigkeit bei Patienten in der Heroinbehandlung

Fahreignung und Arbeitsfähigkeit bei Patienten in der Heroinbehandlung

Zum kognitiven, psychophysischen und optisch-vestibulären Funktionsniveau

Forschungsergebnisse aus dem Institut für Rechtsmedizin der Universität Hamburg, Band 11

Hamburg 2008, 86 Seiten
ISBN 978-3-8300-3750-7 (Print & eBook)

Gleichgewichtsorgan, Heroinverschreibung, Medizin, Methadon, Neuropsychologie, Opiatabhängigkeit, Rechtsmedizin, Substitution, Suchtforschung, Verkehrseignung

Zum Inhalt

Mit der Untersuchung liegt eine Spezialstudie im Rahmen des bundesdeutsche Modellprojekt zur Heroinvergabe in den Jahren 2002 bis 2005 vor. Schwerstabhängige erhielten injizierbares Heroin als Medikament, eine Kontrollgruppe erhielt parallel die Ersatzdroge Methadon. Die wissenschaftliche Leitung lag beim Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg (ZIS). Es wurde gezeigt, dass die heroingestützte Behandlung gegenüber der Methadonsubstitution zu positiven Effekten in Bezug auf den Gesundheitszustand, eine Reduzierung des illegalen Drogenkonsums und die Lösung vom Drogenkontext führt.

In der Spezialstudie wurden kognitive Funktionen wie Erkenntnisfähigkeit, Denk- und Wahrnehmungs- und Verarbeitungsleistung von gestellten Aufgaben bei den behandelten Patienten in der Heroin- sowie in der Vergleichsgruppe untersucht. Dabei wurden Leistungstests eingesetzt, wie sie teilweise auch in der Arbeitspsychologie und in der medizinisch- psychologischen Fahreignungsuntersuchung in Deutschland in Gebrauch sind. Weiter wurden der Funktionszusammenhang zwischen Sehsinn und Gleichgewichtsorgan und die willkürliche Blickzielerfassung in diesem Patientenkollektiv erstmals wissenschaftlich untersucht. Getestet wurden Kurzzeitgedächtnis und die Aufnahme von neuen Inhalten in das Langzeitgedächtnis, Daueraufmerksamkeit sowie geteilte Aufmerksamkeit für parallel angebotene unterschiedliche Reize, optisch-räumliche Orientierung und Problemlösefertigkeit. Ein weiterer Bestandteil der Studie waren Untersuchungen zur Funktion des Gleichgewichtsorgans. Der Funktionszusammenhang zwischen Sehsinn und Gleichgewichtsorgan ist beim Menschen insofern wichtig, als das Gleichgewichtsorgan bei Lageveränderungen des Kopfes, z.B. beim Einfahren in eine Kurve als Kraftfahrer, die Augapfel-Folgebewegung unterstützt. Ein Einfluss, der durch auf das Zentralnervensystem wirkende Medikamente und durch Alkohol aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann.

Die Patienten in beiden Behandlungsgruppen zeigten gegenüber dem Bevölkerungsdurchschnitt erhebliche Funktionseinbußen. Dabei waren keine spezifischen, sondern eher Schwächen bei verschiedenen höheren geistigen Leistungen auszumachen (Konzentrationsvermögen, Daueraufmerksamkeit, geteilte Aufmerksamkeit, Neuaufnahme von Lerninhalten in das Langzeitgedächtnis). 84% einer Durchschnittsbevölkerung gleicher Altersstruktur würden besser als dieser Teil der Patienten abschneiden. Dagegen lagen die Leistungen der Heroinpatienten u.a. bei der Reaktion auf optische und akustische Reize, bei der visuellen Auffassungsgeschwindigkeit im Bereich der Norm. Insgesamt zeigten sich zwischen Heroin- und Methadonpatienten keine signifikanten kognitiven Leistungsunterschiede.

Auf Grund der in beiden Gruppen auch mehr als 3 Monate nach Behandlungsbeginn nachgewiesenen erheblichen Herabsetzung des durchschnittlichen kognitiven Leistungsniveaus ist eine differenzierte Einzelfallberatung bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit notwendig.

Zusätzlich bestand in den optisch- vestibulären Tests bei beiden Behandlungsgruppen ein erhöhtes Risiko erschwerter präziser Blickzielerfassung sowie eine mangelnde Kopplung zwischen Seh- und Gleichgewichtssinn. Dieses Risiko wird vor dem Hintergrund der Erfahrung mit klinisch verwendeten Opioiden zumindest für die frühe Phase nach Injektion für Heroinpatienten höher einzuschätzen sein als für Methadonpatienten. Patienten in der opiatgestützten Behandlung sollten hinsichtlich ihrer Arbeitsfähigkeit in Berufen mit lagebedingt häufig wechselnden Kopfpositionen, erhöhter Anforderung an das Gleichgewicht sowie hinsichtlich Gefahrenpotentialen bei der aktiven Teilnahme am Straßenverkehr (auch als Fußgänger und Fahrradfahrer) präventiv beraten werden.



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