Dissertation: Neue Ostpolitik – Wahrnehmung und Deutung in der DDR und den USA (1961–1974)

Neue Ostpolitik –
Wahrnehmung und Deutung in der DDR und den USA (1961–1974)

Zur Symbolik eines politischen Begriffs

Studien zur Zeitgeschichte, Band 85

Hamburg 2012, 438 Seiten
ISBN 978-3-8300-6478-7 (Print & eBook)

Bundesrepublik Deutschland, DDR, Détente, Henry Kissinger, Internationale Geschichte, Kalter Krieg, Kulturgeschichte, Ost-West-Konflikt, Ostpolitik, Symbolik, Transatlantische Beziehungen, USA, Walter Ulbricht, Willy Brandt, Zeitgeschichte

Zum Inhalt

Mit der Wahl Willy Brandts zum Kanzler begann 1969 für die Bundesrepublik eine neue Ära. Seine Ostverträge gelten heute als Meilenstein der Entspannung und wichtige Wegbereiter der späteren deutschen Einheit. Zugleich haben sich an der Neuen Ostpolitik seit ihrem Beginn zahlreiche politische und wissenschaftliche Debatten entzündet. Noch immer erscheinen regelmäßig Studien, die sich mit einzelnen Aspekten der sozial-liberalen Maßnahmen auseinandersetzen. Die Mehrzahl dieser Arbeiten bewegt sich dabei methodisch im Rahmen klassischer diplomatie- und politikgeschichtlicher Ansätze.

Das Buch ergänzt die Sichtweise bisheriger Untersuchungen um die kulturelle Perspektive. Es versteht Ostpolitik im Sinne des erweiterten Politikbegriffs der Kulturgeschichte als Symbol – eine Herangehensweise, die so in der Geschichte der Außenpolitik bislang kaum anzutreffen ist. Darüber hinaus betritt die zeithistorische Studie in einer weiteren Hinsicht Neuland. Erstmals wird die Wahrnehmung der Ostpolitik in der DDR und den USA direkt verglichen. Die Analyse macht nicht an ideologischen Grenzen halt, sondern sucht nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den handlungsleitenden Motiven innerhalb der konkurrierenden Blöcke.

Sowohl in der DDR als auch in den USA lehnten die jeweiligen Machthaber – Walter Ulbricht und das Politbüro einerseits, der republikanische Präsident Richard Nixon und sein Sicherheitsberater Henry Kissinger andererseits – die Annäherungsversuche der Neuen Ostpolitik zunächst ab. Was auf den ersten Blick wie eine rational begründete, politisch-strategisch motivierte Reaktion erscheint, entpuppt sich bei Berücksichtigung kultureller Aspekte als eine Handlung, die auf althergebrachten, traditionellen Wahrnehmungsmustern des jeweiligen Systems beruhte. Seit Beginn der 1960er Jahre waren dabei mehrere Deutungslinien erkennbar. So wirkten sich die Selbstbilder der beiden Länder und ihre eigene Rolle ebenso auf die Wahrnehmung der ostpolitischen Maßnahmen Bonns aus wie die Bewertung der Bundesrepublik und ihrer Ziele wie auch die Haltung zu Parteien und Personen. Eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit zwischen Washington und Ost-Berlin bestand zudem in der historisch motivierten, tiefsitzenden Furcht vor Deutschland.

Diese Muster bestimmten nach dem Amtsantritt Willy Brandts anfangs die Wahrnehmung seiner Neuen Ostpolitik. Nur langsam begann sich in beiden Ländern ein Wandel der dominierenden Deutungsmuster durchzusetzen, der jeweils in drei Phasen eingeteilt werden kann: Kontinuität, Modifikation, Synthese. Die Akzeptanz der Neuen Ostpolitik hing jeweils davon ab, ob sie sich mit den kulturell und ideologisch bedingten Mustern vereinbaren ließ. Das galt sowohl für die DDR als auch die USA. Beide Länder teilten trotz ihrer unterschiedlichen Weltbilder einen gemeinsamen Satz von Einstellungen gegenüber Westdeutschland, die sich auf je ähnliche Weise lösten.

Die Studie zeigt, wie die Verwendung eines kulturgeschichtlichen Ansatzes die Verflechtung von langfristigen und traditionellen Einstellungen mit einer mittel- und kurzfristigen Politik deutlich machen kann. Indem sie politische Konzepte auf ihren Symbolcharakter zurückführt, gelingt ihr eine neue Form des analytischen Vergleichs über System- und Ideologiegrenzen hinweg.



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