Forschungsarbeit: Erziehung im Geiste der Autarkie

Erziehung im Geiste der Autarkie

Radikale Neupietisten um Hermann Lietz

EUB. Erziehung – Unterricht – Bildung, Band 145

Hamburg , 438 Seiten

ISBN 978-3-8300-4591-5 (Print)
ISBN 978-3-339-04591-1 (eBook)

Zum Inhalt

Die deutsche Landerziehungsheimbewegung wurde von Hermann Lietz (1868-1919) am Ende des 19. Jhdts. nach einem Englandaufenthalt bei Cecil Reddie begründet. In rascher Folge etablierte er drei Heime in Ilsenburg (1898), Haubinda (1901) und Bieberstein (1904), die quasi als Ursprungsorte der Vereinigung der deutschen Landerziehungsheime gelten können. Mit diesen Gründungen strahlte die Idee einer zivilisationsfernen, naturnahen und asketischen Erziehung in viele Bereiche reformpädagogischen Bestrebens aus. Die Staatsschule sah sich angesichts dieser Offensive genötigt, ihre eigenen Überzeugungen neu zu überdenken, was zur Reichsschulkonferenz von 1920 führte, auf der die Gedanken der Landerziehungsheimreformer an entscheidender Stelle präsentiert wurden. Die Jugend als „Subjekt“ zu bemerken (Wyneken), ihr einen eigenständigen Erfahrungs- und Lernraum zuzugestehen, war ein unerhörtes Ereignis in einer Zeit, für die das Kind, der Heranwachsende nach wie vor weitgehend unentdeckte Phänomene waren. Lern- und Jugendpsychologie steckten in den Kinderschuhen und waren erst noch dabei, ihrer Möglichkeiten gewahr zu werden.

Daher ist der Umstand gar nicht hoch genug einzuschätzen, daß Lietz und seine Mitstreiter einen neuen Umgang mit ihren Zöglingen wagten, der an deren Einsichtsfähigkeit und Bereitschaft appellierte, sich in einem anderen als dem gewohnten zivilisatorischen Umfeld den Herausforderungen eines nachhaltig veränderten Erziehungskonzeptes zu stellen. Dieses sah die „inselartige Abgeschlossenheit“ der Heime genauso vor wie die religiöse und intellektuelle Entwicklung der Heimbewohner (Geheeb), um ihnen eine von permanenter Methodisierung geprägte Lernstätte zu bieten, an der sie ihre vielfältigen Fähigkeiten im Unterricht, im Handwerk und in der Landwirtschaft entdecken und erproben konnten.

Wichtig für diese Untersuchung wird zudem die Erkenntnis, daß es sich bei der Landerziehungsheimbewegung um eine radikale neupietistische Strömung handelte, die vor dem Hintergrund der Gnadauer Pfingstkonferenz von 1888 eine „brüderliche Gemeinschaft“ bildete, deren Hauptanliegen in der „Arbeit für das Reich Gottes“ bestand. Die Aktivitäten der nach Autarkie strebenden Landerziehungsheimbewegung konzentrierten sich in der Kritik an Staatsschule und Amtskirche, wobei sich der „religiöse Virtuose“ zu einem pädagogischen Virtuosen wandelte, dessen Erzieher- und Zöglingsaristokratie an die „Heiligenaristokratie“ (M. Weber) des frühpietistischen bzw. calvinistischen Raumes erinnert. In der hier beschriebenen asketischen Erziehungsbewegung entfaltete sich der Erzieher sowohl in einem inner- als auch außerweltlichen Handlungsspektrum. Er war Bürger und Mönch zugleich und die „asketische „Reduktion der Erfahrungsinhalte“ (E.E. Meissner) stand vielfach obenan.

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