Dissertation: Die Rechtsnation und ihr Staat – die Geltung des jüdischen Ehe- und Scheidungsrechts in Israel

Die Rechtsnation und ihr Staat –
die Geltung des jüdischen Ehe- und Scheidungsrechts in Israel

Studien zur Rechtswissenschaft, Band 156

Hamburg 2004, 200 Seiten
ISBN 978-3-8300-1617-5 (Print & eBook)

Rezension

[...] Die vorliegende Arbeit hat dem deutschsprachigen Publikum den Einstieg in einen komplexen und komplizierten Bereich des israelischen Rechts ermöglicht, in das Ehe- und Scheidungsrecht. Sie hat sogar dem in praktischen Angelegenheiten Rat suchenden Juristen einen Einstieg in die Thematik und eine erste Hilfe geboten. Somit hat die Arbeit ihr erklärtes Ziel erreicht. Darüber hinaus hat die Arbeit dem Leser die Identitätsprobleme des jüdischen Kollektivs in Israel näher gebracht, gleichzeitig aber Fragen im Raum stehen lassen, die zum Nachdenken zwingen. Das Nachdenken soll und wird fortbestehen, bis dieses Kollektiv sich als eine Nation aus der Rechtsnation herausgeschält haben wird.

Gabriel Miller, in:
juedisches-recht.de, 10.10.2014

Eherecht, Familienrecht, Halachah, Israel, Judentum, Jüdisches Recht, kollektive Identität, Rechtswissenschaft, Religiöses Recht, Scheidungsrecht

Zum Inhalt

Jahrtausendelang hat die Juden allein ihre Religion verbunden, d.h. im wesentlichen das religiöse Recht, nach dem sie lebten. Insbesondere das Ehe- und Abstammungsrecht erfüllten eine identitätsstiftende Funktion. Einerseits half das Mischeheverbot, die jüdische Gemeinschaft zu erhalten. Andererseits wird die Zugehörigkeit des Individuums zu dieser Gemeinschaft durch die Abstammung und den familienrechtlichen Status der Eltern bestimmt.

Mit seiner Gründung ist der Staat Israel als konkurrierendes säkulares Identifikationsobjekt für die Juden neben das religiöse Recht getreten. In Anerkennung seiner besonderen Bedeutung für die kollektive jüdische Identität hat der Staat Israel jedoch das jüdische Ehe- und Scheidungsrecht durch Verweis in das staatliche Recht inkorporiert.

Allerdings bedeuten verschiedene Aspekte des jüdischen Ehe- und Scheidungsrechts für die betroffenen Personen oft eine Freiheitseinschränkung und Härte, z.B. das Mischeheverbot, andere auf antiker Tradition beruhende Eheverbote, oder Schwierigkeiten insbesondere für Frauen, eine Scheidung gegen den Willen des Ehepartners durchzusetzen. Viele säkular eingestellte Israelis sind nicht bereit, diese Einschränkungen ihrer persönlichen Freiheit als für sich selbst maßgeblich zu akzeptieren.

Diese Arbeit untersucht, wie der Staat Israel einerseits durch Gesetzgebung und Kompetenzzuweisungen an religiöse Instanzen die Anwendung des religiösen Ehe- und Scheidungsrechts sicherstellt, andererseits aber auch die Bedürfnisse der säkular eingestellten Bevölkerungsteile zu befriedigen versucht. So eröffnet er durch die Ausgestaltung des internationalen Privatrechts, des Rechts der nichtehelichen Lebensgemeinschaft und eine liberale staatliche Registrierungspraxis Alternativen zur religiösen Ehe, die dieser in den praktischen Auswirkungen nahezu gleichkommen. Durch diese zweigleisige Politik unterstützt der Staat Israel nach Auffassung der Autorin die Entstehung einer Gruppe von Israelis, die nach jüdischem Recht von der Eheschließung ausgeschlossen sind. Damit relativiert er die Geltung des jüdischen Ehe- und Scheidungsrechts im Staat und schränkt dessen identitätsstiftende Wirkung ein.

Die Dissertation führt einerseits unter Zitierung von israelischen Gesetzestexten und kritischer Darstellung wichtiger Gerichtsentscheidungen in einen komplizierten Bereich des israelischen Familienrechts ein. Sie will außerdem in der deutschsprachigen Öffentlichkeit das Verständnis für eine kontrovers diskutierte Problematik steigern, die sowohl für die jüdische als auch für die israelische kollektive Identität von herausragender Bedeutung ist.



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