: Nicht Sprachschöpfer sondern Sprachverwerter

Nicht Sprachschöpfer sondern Sprachverwerter

San Antonio als Produkt der crise du francais

PHILOLOGIA – Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse, Band 1

Hamburg , 215 Seiten

ISBN 978-3-925630-99-6 (Print)

Zum Inhalt

Seit den fünfziger Jahren veröffentlicht der französische Schriftsteller Frédéric Dard unter dem Pseudonym “San–Antonio” Kriminalromane, die durch ihre eigenwillige Sprache auffallen. Die Kritik beurteilt San–Antonio zum Teil als schöpferisches Genie, das eine völlig neue Sprache schafft, neue Bilder, neue Wörter, als Sprachvirtuose, der sich kühn über Normen hinwegsetzt. Diese Aussagen halten Westenfelders Analyse nicht stand. Bei den Wortbildungen handelt es sich weitestgehend nicht um “création pure”, sondern Neubildungen nach vom Sprachsystem vorgegebenen Mustern. Seine Neuerungen sind nicht lebensfähig, da sie keinem interindividuellen Ausdrucksbedürfnis entsprechen, sondern lediglich humoristische Funktion haben.

Dieses Wortmaterial vernachlässigt Westenfelder daher und wendet sich anderen Elementen der Sprache San–Antonios zu. Sie enthält sämtliche Varietäten des Französischen, und zwar gemäß allen Dimensionen der Variabilität: diatopisch, diastratisch, diaphasisch, mit einem Übergewicht der Substandard–Register. Es ist kaum möglich, den einzelnen Elementen Begriffe wie français populaire, familier oder argotique zuzuordnen, daher entschließt sich Westenfelder, die Substandardelemente bei San–Antonio fast durchgehend als français populaire zu bezeichnen, was mit dem ohnehin breiten Geltungsbereich dieses Begriffs gerechtfertigt werden kann, der speziell auch die untersten Register wie français vulgaire und argotique einschließt.

Den theoretischen Rahmen bildet abweichend von F. de Saussure, der noch von der Einzelsprache als einem homogenen Gebilde ausging, die These von der “geordneten Heterogenität” (Nabrings) der Sprache. Mit Henri Frei ist Westenfelder der Auffassung, man könne nicht nach Saussures Ansatz synchronische und diachronische Betrachtungsweise trennen, da für das Aufeinanderfolgen von Erscheinungen auf der Zeitachse eine Wechselbeziehung von Erscheinungen auf der statischen Ebene zu suchen ist. Während Saussure den Sprachwandel nur als Zufallsprodukt betrachtet, sieht Coseriu den Wandel als notwendige Bedingung der funktionalen Synchronizität der Sprache.

Mit Hilfe dieses theoretischen Rüstzeugs werden die Normabweichungen bei San–Antonio nicht nur aufgezählt, sondern als System dargestellt. Sie sind aufgrund von Gesetzen entstanden (Diachronie) und hängen aufgrund eben dieser Gesetze miteinander zusammen (Synchronie). So können auch Erscheinungen, die in der Literatur nicht nachzuweisen sind, als (wenigstens potentielles) français populaire ausgewiesen werden. Freis Theorie liefert dabei den Rahmen zur Aufstellung neuer Theorien zu Erscheinungen, die in der Literatur nicht geklärt sind.

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