: Entwicklung des Zeitbegriffs im kulturellen Lebenskontext

Entwicklung des Zeitbegriffs im kulturellen Lebenskontext

Das Alltagsverständnis von Zeit bei türkischen und deutschen Kindern aus strukturgenetischer Sicht

Studien zur Kindheits- und Jugendforschung, Band 12

Hamburg , 292 Seiten

ISBN 978-3-86064-344-0 (Print)

Zum Inhalt

Was verstehen Kinder unter Zeit? Worin unterscheiden sich die Zeitauffassungen von Kindern verschiedener Kulturen? Wie verändert sich das Zeitverständnis im Laufe der Kindheit?

Keine der bisherigen Untersuchungen versucht umfassend zu klären, wie Kinder aus ihren Alltagserfahrungen heraus das komplexe Phänomen „Zeit“ begreifen lernen und welchen Einfluss die Kulturzugehörigkeit auf die Entwicklung des Zeitbegriffs nimmt.

Die hier vorgestellte Studie untersucht den Aufbau des Zeitbegriffs in verschiedenen Kulturen: Sie vergleicht die Zeitvorstellungen von Kindern, die in der Türkei aufwachsen mit denen deutscher Kinder. Aus den theoretischen Ausführungen zum Zeitbegriff Erwachsener, zu den strukturgenetischen Prinzipien der Begriffsentwicklung, zum Forschungsstand in der Entwicklungspsychologie und zu den unterschiedlichen Lebensbedingungen türkischer und deutscher Kinder leitet die Autorin folgende Thesen ab:

Türkische Kinder verstehen unter Zeit hauptsächlich die „Lebenszeit“ (Ablauf und Vergehen der Lebensspanne). Deutsche Kinder hingegen verbinden mit Zeit in erster Linie die „Alltagszeit“ (die (Uhr-) Zeitvorgaben, denen der Alltagsablauf folgt). Die Entwicklung des Zeitbegriffs in der Türkei und in Deutschland orientiert sich an diesen kulturabhängigen Inhalten.

Um diese Thesen zu überprüfen, wurden türkische und deutsche Schüler dreier Altersgruppen (6, 9 und 12 Jahre) zu ihren Vorstellungen über Zeit befragt. Im einzelnen ging es um ihre Ansichten zu folgenden Themenbereichen: Was ist Zeit? Ist Zeit für Menschen in verschiedenen Lebensphasen (Kinder, Erwachsene, Alte) wichtig oder nicht? Existiert die Zeit auch für andere Lebewesen und Naturgegebenheiten? Welche Merkmale hat die objektive Zeit? Wovon hängt unser subjektives Zeiterleben ab? Was ist unter Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verstehen?

Die These einer kulturabhängigen Betonung von Alltagszeit und Lebenszeit kann anhand der Ergebnisse bestätigt werden. Deutsche Kinder verbinden mit Zeit weit mehr das präzise Uhrzeitschema und die vorgegebenen Zeiteinteilungen im Alltag. Demgegenüber verstehen türkische Kinder unter Zeit primär den gröberen Zeitrahmen der Lebenszeit.

Gleichzeitig demonstrieren die Befunde auf allgemeinerer Ebene eine gemeinsame strukturelle Entwicklungssequenz in beiden Kulturen: Für Schulanfänger ist Zeit ein impliziter Aspekt des Handelns. Im Anschluss werden zeitliche Aspekte vom Handeln in vager Weise differenziert. Ältere Grundschulkinder sehen Zeit dann als Hintergrundbedingung konkreter Alltagsvollzüge. Gegen Ende der Kindheit wird Zeit in einer umfassenderen Weise als Ordnungsdimension erkannnt, und die Implikationen von Zeit für die Lebensführung des einzelnen treten in den Vordergrund.

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