: Der Einfluß eines konservativen Familienideals

Der Einfluß eines konservativen Familienideals

Rezeptionsgeschichte einiger Thesen Wilhelm H. Riehls

Studien zur Familienforschung, Band 3

Hamburg , 206 Seiten

ISBN 978-3-86064-223-8 (Print)

Zum Inhalt

Wilhelm Heinrich Riehl (1823-1897) war einer der einflussreichsten Denker des 19. Jahrhunderts. Seine genauen Beobachtungen und detaillierten Schilderungen des Alltaglebens machen ihn zum Begründer mehrerer sozialwissenschaftlicher und volkskundlicher Disziplinen. Problematisch in seinem Werk ist die Vermischung wissenschaftlicher Analyse mit politischen Forderungen und Wunschvorstellungen. In der „Familie“ (1855) stehen empirische Erkenntnisse verbunden mit der Forderung nach einer exakten Familienwissenschaft der Darstellung einer „heilen Großfamilie“ gegenüber, die auch zu Riehls Zeit nicht der sozialen Wirklichkeit entsprach.

150 Jahre Riehl-Rezeption zeigen, dass dieses Trugbild einer „gesünderen“ Familie bis heute oft unreflektiert übernommen wird. Daran gemessen werden heutige Familienformen pauschal als krisenhaft empfunden. Eine Beschwörung der Vergangenheit aber verhindert sinnvollen Umgang mit Problemen der Gegenwart. Umgekehrt führt die Ablehnung der restaurativen Ideen Riehls bei einigen Autoren zu einer Verkennung seiner empirischen Erkenntnisse.

Dabei ist beispielsweise Riehls Auffassung von der Rolle der Frau als einer sich wandelnden, kulturell, historisch und auch schichtspezifisch geprägten Gegebenheit geradezu modern. Durch eine oft ideologisch überformte Diskussion in den Familienwissenschaften wird die Weiterarbeit an solchen wertvollen Ansätzen verhindert. So findet der soziologische Diskurs zur Frauenrolle teilweise vor dem Hintergrund unhistorischer Schablonen statt.

Verwischungen von Leitbildern und Wirklichkeit wie bei Riehl gibt es in wissenschaftlichen Untersuchungen auch in der Gegenwart. Vor allem aber in Politik und Medien zeigt sich bis heute ein Einfluss Riehlscher Idealvorstellungen, der den Blick auf die Realität verstellt. Aktuelle Diskussionen über Ganztagsbetreuung von Kindern, Pflegeeinrichtungen für Ältere u.ä. argumentieren zu oft mit veralteten Leitbildern, die niemals soziale Wirklichkeit waren. Eine kritischere Hinterfragung scheinbar „natürlicher“ Normen und Funktionen der Familie ist dringend notwendig. Die Familiensoziologie könnte zu einer solchen Klärung beitragen, wenn sie die eigenen Quellen, zu denen Riehl gehört, kritischer aufarbeitet.

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