Dissertation: Verstehenshilfe für die Klassikerlektüre

Verstehenshilfe für die Klassikerlektüre

Der Differenzwortschatz und seine Erklärung als Lesemotivation

PHILOLOGIA – Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse, Band 100

Hamburg 2007, 560 Seiten
ISBN 978-3-8300-3107-9 (Print & eBook)

Differenzwortschatz, Klassikerlektüre, Klassikertexte, Klassikerwortschatz, Lesekompetenz, Lesemotivation, Literaturunterricht, Sprachwandel, Sprachwissenschaft, Textverstehen

Zum Inhalt

Selten und noch seltener gern lesen Schüler Klassikertexte. Denn diese anspruchsvollen Texte stellen beim Lesen hohe Anforderungen an die nicht zuletzt von der PISA-Studie als nicht ausreichend bewertete Lesekompetenz: Sie sind sprachlich ungewohnt, sperrig und oft schwer oder nicht verständlich. Die Ursachen hierfür liegen in lebensweltlichen Veränderungen, hauptsächlich aber in der gegenüber modernen Texten veränderten Sprache. Der erklärungsbedürftige Wortschatz wird jedoch nicht systematisch erfasst und den heutigen Gegebenheiten angemessen erklärt. Somit werden die Texte trotz objektiv gegebener Verständnisbarrieren oft als voll verständlich hingenommen. Außerdem wird den Verstehensproblemen bei der vorwiegend interpretativen Erschließung von Texten ohnehin kaum Rechnung getragen.

So prägt sich Schülern von der Klassikerlektüre oft ein unerfreuliches Leseerlebnis ein: Diese auch ihnen wichtig scheinenden Texte erschließen sich ihnen nicht – und mit ihren Problemen fühlen sie sich weitgehend alleingelassen. Deshalb wünschen sich viele Schüler bessere und umfangreichere Erklärungen. Dies ist neben dem Appell an die Sprach- und Literaturwissenschaft eine Aufforderung an das unterrichtliche Konzept der Klassikerlektüre. Ausgangspunkt dafür könnte die neuartige Einschätzung der Klassikertexte als „fremde“ Texte, also als unbekanntes, zu erarbeitendes Feld sein. Durch Textarbeit an Passagen, an denen Schüler sich ihre Verstehensprobleme bewusst machen und zum Ausdruck bringen können, wird ein wichtiges Ziel im didaktischen Prozess verfolgt: die Einsicht in das eigene Verstehen und seine Grenzen. Ein derartiger Ansatz verringert die Abneigung der Schüler gegenüber klassischen Texten, da das Textverstehen als gerechtfertigtes, weil produktives Problem thematisiert wird. Zudem erhöht ein ungewohntes Unterrichtsvorgehen in der Regel die Motivation der Schüler, was eine engagierte Unterrichtsatmosphäre fördert. Bezieht man individuelle Verstehensprobleme, Bedeutungsunterschiede zwischen damals und heute sowie die Bestimmung der zutreffenden Bedeutung mithilfe von Nachschlagewerken oder eigenen Überlegungen in den Unterricht ein, wissen Schüler also um die Erklärungsbedürftigkeit der Texte nicht nur auf inhaltlicher Ebene, ergibt sich ein gemeinsames Textverständnis. So ergründet man den Inhalt in einem eigenen Erkenntnisprozess, bei dem die Erarbeitung eines angemessenen Textverstehens an den Anfang des Umgangs mit literarischen Texten rückt und das Fundament bei der Textarbeit bildet.

Bei dieser Herangehensweise werden die zum Lernprozess gehörigen Widerstände als eine reizvolle Aufgabe für die Textarbeit betrachtet. Auf diese Art beschreitet mit Sprachunterricht verbundener Literaturunterricht einen neuen Weg und schlägt möglicherweise eine Brücke von den Jugendlichen zu den Texten. „Verstehenshilfe für die Klassikerlektüre“ will Sprachwandelerscheinungen seit dem 18. Jh. beleuchten, um diesen Prozess in Gang zu bringen, Verstehensprobleme bei Klassikertexten bewusstmachen und ihre Berücksichtigung bei der unterrichtlichen Lektüre anregen.



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