: Der Kriminalroman der DDR 1970 - 1990

Der Kriminalroman der DDR 1970 - 1990

POETICA – Schriften zur Literaturwissenschaft, Band 28

Hamburg 1998, 230 Seiten
ISBN 978-3-86064-675-5

DDR, Formalismus, Fritz Erpenbeck, Ideologie, Krimi, Kriminalroman, Literaturwissenschaft, Realismus, Systemkritik

Zum Inhalt

Nach den Aussagen von Kriminalschriftstellern aus der ehemaligen DDR war der Kriminalroman das künstlerische Medium, in dem der Alltag der DDR widergespiegelt wurde. Man habe die Realitäten des Landes beschrieben; der Leser wollte eigentliche immer seine reale Umwelt und seinen Lebensalltag im Kriminalroman wiederfinden. „Wenn man wirklich etwas über DDR-Wirklichkeit erfahren will, muss man zum Krimi greifen“ (Hartmut Mechtel).

Für die Verfasserin stellt sich die Frage, welche Potenz eine massenhaft verbreitete Literatursorte haben kann, die sich einer so universalen und interkulturell verständlichen Form, wie es „der Krimi“ nun mal ist, bedient. Oder anders gefragt, warum lässt ein totalitäres Regime eine Literaturgattung, die ansonsten zu den Traditionen freiheitlicher Gesellschaft gezählt wird, nicht nur zu, sondern befördert sie auch noch? Inwieweit ist eine vermeintlich „schematische“ Literaturform geeignet, bestimmte Wertvorstellungen, Wertungen und Perspektiven auf die eigene Gesellschaft zu transportieren oder sie gar erst herzustellen?

Nach der Lektüre von mehr als 150 Kriminalromanen aus der DDR bot sich der Verfasserin ein ästhetisch niederschmetterndes Bild. Die Texte sind mit wenigen Ausnahmen von künstlerisch dürrer Qualität, so dass sich eine genuin literaturwissenschaftlich-ästhetische Annäherung an den Gegenstandsbereich als einigermaßen obsolet erweist. Dadurch bleibt aber erst recht die Faszination an dem Umstand, dass die gewöhnende Einübung, die mittels dieser Literatur erfolgte, anscheinend funktioniert hat - die Einübung nämlich, die dargestellten Verhältnisse als die realen Verhältnisse zu verstehen, auf der Rezipienten- und möglicherweise auch auf der Produzentenseite.

Aus diesen Gründen wählt die Verfasserin einen methodischen Ansatz, der zwei Aspekten Rechnung trägt: Einmal dem Umstand, dass wir es mit extrem schlichten Texten zu tun haben und deshalb eine eher soziologische Makroperspektive riskieren können, weil die Brechungen, die bei ästhetisch komplizierten Texten auftreten, sich hier nicht allzu störend zwischen Text und Funktion drängen. Zum zweiten dem Umstand, dass sich bei derart schlichten, anscheinend regelhaft gebauten Textgebilden der tschechische und russische Formalismus als Methode besonders eignet, weil man dabei nicht zwischen Deskription und Interpretation von einem Theoriefeld ins andere springen muss. Der beschreibende und interpretierende Doppelcharakter des Formalismus bietet sich für diese Arbeit zudem deswegen an, weil die ästhetische Einfachheit der zu behandelnden Primärtexte eine recht unvermittelte, direkte Applikation von Interpretation auf die durch Beschreibung herauspräparierten Strukturen zulässt.

Insofern ist diese Arbeit auch ein Versuch, eine Methode an einem Gegenstand zu erproben, der zum Zeitpunkt der Theoriebildung noch gar nicht vorhanden war. Im Zeitalter der fraktalisierten Kleintheorien, die jedes Mal nur auf ihr eigenes, schmales Feld, für das sie entworfen worden sind, angewendet werden können, ein spannendes Unterfangen.



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