Sammelband: Europäisches Geschichtsbild als Instrument zur Identitätsstiftung

Europäisches Geschichtsbild als Instrument zur Identitätsstiftung

Anspruch und Wirklichkeit einer Idee

Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Dr. Gerhard Besier

Studien zur Zeitgeschichte, Band 53

Hamburg 2006, 230 Seiten
ISBN 978-3-8300-2404-0 (Print & eBook)

Rezensionen

[...] Da die Beiträge einen geschichtswissenschaftlichen Schwerpunkt besitzen, sind sie auch in erster Linie für Historiker geeignet und weniger für politikwissenschaftliche Europaforscher. Trotzdem tut der Blick über den Tellerrand gut, da manches historische Detail erhellende Parallelen oder Einsichten für die Gegenwart bereithält.

Dirk Burmester, in:
Portal für Politikwissenschaft, 25.06.2007

Was eine leichthin aufgestellte These bewirken kann, das sieht man an diesem Buch. Vor überwiegend jungen Leuten haben sich die Veranstalter eines trinationalen Seminars für die Schaffung eines gemeineuropäischen Geschichtsbildes ausgesprochen. Während der Veranstaltung erfuhren die Seminarleiter kaum Widerspruch, aber der Widerspruchsgeist der Teilnehmer war geweckt; ein weiteres, nunmehr „autonomes“ Seminar wurde organisiert und der Versuch unternommen, die Haltlosigkeit der These von dem gemeinsamen Geschichtsbild zu untermauern. Anhand einer Reihe von Beispielen, die aus diesem Seminar hervorgegangen sind, wollen die Verfasser zeigen, dass die Proklamation eines gemeinsamen Geschichtsbildes mindestens verfrüht zu sein scheint.

Gerhard Besier, in:
Aus dem Geleitwort von Gerhard Besier

Bulgarien, Dreißigjähriger Krieg, Erster Weltkrieg, Europa, Geschichtsbild, Geschichtswissenschaft, Navalismus, Pomaken, Vertreibung, Wertegemeinschaft

Zum Inhalt

MARTIN TEPLÝ wendet sich dem allgemeinen Begriff „Geschichtsbild“ zu. Er stellt die Entstehungsbedingungen eines Geschichtsbildes dar und weist auf die Risiken und Nebenwirkungen bei seiner Etablierung hin.

KATARZYNA STOKLOSA befürwortet die Entstehung eines „Gesamteuropäischen“ oder „Transnationalen“ Geschichtsbildes und plädiert dafür, dass die Geschichte der Vertreibungen im 20. Jahrhundert zur Grundlage einer solchen Perspektive wird.

MARIAN NEBELIN skizziert in seinem Vortrag die Wurzeln des heutigen Verständnisses von Europa. Er betont, dass „der europäische Gedanke eine Ideologie der Moderne“ darstellt, was zu Folge hat, dass sich seine identitätsstiftende Kraft lediglich in einer kleinen Schicht von zumeist Intellektuellen etablierte. Der Autor sieht jedoch die Chance, dass zukünftig ein europäisches Geschichtsbild eine methodische Stütze für die ganzheitliche Erfassung von supra- und transnationalen geschichtlichen Prozessen sein könnte.

„Europa ohne Krieg“ soll nach HAGEN HENKE das Ziel der Etablierung eines „Europäischen Geschichtsbildes“ sein. Dieser normative Ansatz, nach dem die Geschichtsschreibung ein „Teil der Politik“ sein soll, wird anhand des Dreißigjährigen Krieges demonstriert. Zugleich wird dieses Ereignis als ein hilfreiches Moment zur Auseinandersetzung mit der Idee eines „Europäischen Geschichtsbildes“ interpretiert.

„Mund halten und Schiffe bauen“ heißt der Beitrag von DANIEL TREPSDORF. Er erläutert am Beispiel von „radikalen Rechten“ in Großbritannien, wie hier der Gedanke Europas, mit welchem Inhalt auch immer gefüllt, instrumentalisiert und vor allem zur Ausgrenzung von allem Nichteuropäischen missbraucht wurde.

ROBERT RUDZOK untersucht die „Rolle der Presse im Vorfeld des Ersten Weltkrieges“. Im Mittelpunkt seines Beitrages steht die Frage, inwieweit die Zeitungen Einfluss auf die Eskalation der Ereignisse nahmen. Als einzig relevantes Massenmedium dieser Zeit trugen sie auch entscheidend zur Verbreitung nationalistischer Geschichts- und Feindbilder bei.

Die politische Opposition im Staatssozialismus ist das Thema des Beitrages von SEBASTIAN RICHTER. Er macht deutlich, dass gerade dieses Thema wegen seiner starken nationalen Prägung für eine „Internationalisierung“ noch nicht geeignet ist. Daher erscheint ihm jeder Versuch zur Konstruktion einer „Europäischen Oppositionsbewegung“ als zum Scheitern verurteilt.

MICHAEL MEIßNER weist im Rahmen seines Beitrages auf die Gefahr der zweckorientierten Geschichtsauslegung hin, wobei ihm als Beispiel die Minorität der bulgarophonen Muslime – die Pomaken – dient. Sie wurden/werden von den Historikern und Politikern Bulgariens, Griechenlands und der Türkei als ein Instrument zur Durchsetzung ihrer eigenen nationalen politischen Interessen missbraucht, wobei man sich nicht scheut, die historischen Fakten zu modifizieren.



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