Forschungsarbeit: Schatten(spiele): Poetologische Denkwege zu Friederike Mayröcker

Schatten(spiele): Poetologische Denkwege zu Friederike Mayröcker

In „brütt oder Die seufzenden Gärten“

POETICA – Schriften zur Literaturwissenschaft, Band 74

Hamburg 2004, 196 Seiten
ISBN 978-3-8300-1647-2 (Print & eBook)

Intertextualität, Kunst, Literaturwissenschaft, Lust, Motivgeschichte, Poetik, Poetologie, Tagebuchfiktion

Zum Inhalt

Mayröckers Schreiben – das ist bekannt – ist immer auch ein Schreiben über das Schreiben, ein ungeheuer dichter Strom von Wahrnehmungen, Gedanken und Reflexionen, die nur an manchen Orten identifizierbar erscheinen. In diesen Strom zeichnen sich auch die Spuren ‘fremder‘ Texte ein: Zitate werden zu Dialogsplittern der Autorin mit anderen Dichtern und Philosophen. Diesen ‘Spuren‘ folgt die Arbeit von Andrea Winkler. Sie liest brütt mithilfe von Robert Musil, Roland Barthes, Giordano Bruno und Jacques Derrida – ebenjenen Schriftstellern und Theoretikern, deren Schriften sich in die seufzenden Gärten hinein verzweigen, um dort die Worte umso mehrstimmiger, umso weniger ‘eindeutig‘ zu machen. Sie versucht, die semantische Fülle von Bildern und Figuren, die den brüttschen Kosmos durchziehen, deutlich und hörbar werden zu lassen, ohne eindeutige Antworten auf Fragen zu geben, die der Mayröckersche Text auf so vielfältige Weise aufwirft.

Diese Fragen kreisen um die Bedeutungen des Lesens/Schreibens/Lebens, und sie werden in jedem der drei Kapitel anders und neu gestellt. Zuerst wird anhand eines Zentralmotivs, des „Schattens“, das Textspiel mit Referentialitäten (auch) begriffsgeschichtlich dargestellt: Aus dem Bezug zu „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“ zieht sich Mayröckers Schreiben auf poetologische Selbstbezüglichkeit zurück. Die Schreibinstanz, das „Ich“ des Textes, wird in den Dimensionen der Zeitlichkeit (Tagebuchfiktion), der Leidenschaftlichkeit („Text-Begehren“) und der Verwandlung (Ich-Metamorphosen) aufgesucht. Der zweite Abschnitt gilt dem Schrift-„Raum“ des Textes. Hier folgt die Lektüre den expliziten Derrida-Verweisen und zeichnet die „Korrespondenz“ zwischen brütt und Derridas Postkarte nach. Exemplarisch für die intermediale Dimension des Textes wird das „Kunstzitat“ von Picassos „Paul beim Zeichnen“ (1923) als poetologischer Dialog wahrgenommen.
Anhand der Motivkomplexe von „Engel“, „Wasser“, „Wald“ und „Garten“ werden schließlich im dritten Abschnitt die sprach-, kultur- und symbolgeschichtlichen Horizonte von Mayröckers Textarbeit paradigmatisch beleuchtet.

Aus dem Vorwort von Univ. Prof. Dr. Konstanze Fliedl:

„Mit großer Behutsamkeit und Beharrlichkeit hat Andrea Winkler Eingänge gefunden in die Klangwelt der Autorin Friedrike Mayröcker, und sie hat sich dort als höflicher Gast benommen. Sie hat hingehört bei Mayröckers Dialogen mit Dichtern und Autoren, von Giordano Bruno bis Derrida, und sie hat es geschafft, ihrer ungestümen SCHREIBHAFTIGKEIT – diesem Hüpfen und Tollen, diesem über Stock und Stein – methodisch zu begegnen. Sie hat aber auch ihr Eigenes mitgebracht an Sprachbegabung, Leseerfahrung und Schreibgeschick. Und an dem inständigen Programm dieses Schreibens – kein Maßhalten mit den eigenen Kräften, mit der eigenen Zeit – hat sie kongenial teilgenommen. Was sie uns mitteilt von ihren Hörerlebnissen, von ihrer eigenen Resonanz, erreicht das Beste, was wir uns als Interpretinnen vornehmen können: anderen die Ohren für die gehörten Reichtümer zu öffnen.“



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