: Statusdevianz und nachbarschaftliche Kontaktvermeidung von Kindern

Statusdevianz und nachbarschaftliche Kontaktvermeidung von Kindern

Eine empirische Untersuchung

SOCIALIA – Studienreihe soziologische Forschungsergebnisse, Band 15

Hamburg 1996, 202 Seiten
ISBN 978-3-86064-492-8 (Print)

Individuum, Kinder, Kontakt, Nachbarschaft, soziale Ungleichheit, Soziologie, Statusdevianz, Statusinkonsistenz

Zum Inhalt

Untersuchungen zur Statusinkonsistenz und ihrer Folgen haben in der Soziologie eine lange Tradition. Die vorliegende empirische Untersuchung stützt sich weitgehend auf theoretische Konzepte dieser Forschungsrichtung, weicht dabei jedoch durch eine genauere Bestimmung der Gültigkeitsbedingungen von üblichen Vorstellungen ab. Während herkömmliche Statusinkonsistenz-Forschungen die Unverträglichkeit zwischen zwei Statusausprägungen einer (erwachsenen) Person in den Vordergrund rückten, wird hier die Inkonsistenz der Eigenschaften eines Kindes und seiner sozialen Umwelt untersucht. Der Untersuchungszusammenhang wird unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Entwicklungen (Individualisierung sozialer Merkmale, Homogenisierung kleinräumlicher Umgebungen und Steigerung der sozialen Komplexität), die als verstärkende Rahmenbedingungen für die Problematik der Abweichung eines Individuums von seiner sozialen Umwelt gewertet werden können, überprüft. Zusätzlich kann aufgrund der begrenzten Handlungsmöglichkeiten von Kindern davon ausgegangen werden, dass sie nur durch Kontaktvermeidung die erzeugten Spannungen aus der Inkonsistenz zwischen Individuum und Umwelt (Statusdevianz) abbauen können. Die besonderen gesellschaftlichen und individuellen Rahmenbedingungen können also als Beleg für die besondere Plausibilität des zentralen theoretischen Untersuchungs-Zusammenhangs angesehen werden.

Diese Untersuchung bildet insofern einen innovativen und konstruktiven Beitrag zur Weiterentwicklung der Statusinkonsistenzforschung, als bisher festgestellte Schwächen der älteren Konzeptionen in einem modifizierten Modell vermieden werden konnten. Früheren Statusinkonsistenzmodellen wurde vorgeworfen, dass die subjektive Bedeutsamkeit von Statusinkonsistenz und das vorhergesagte stressabbauende Verhalten nicht hinreichend begründbar seien.
Im vorliegenden Untersuchungsmodell konnten diese Theorieschwächen vermieden werden, weil durch die Befragtengruppe (Kinder zwischen 8 und 12 Jahren) und gesellschaftliche Rahmenentwicklungen der Widerspruch zwischen Individuum und Umwelt in immer stärkeren Maße für (sozialen) Stress verantwortlich zu machen ist. Zusätzlich stellt die vorhergesagte Verhaltensreaktion (nachbarschaftliche Kontaktvermeidung) für Kinder die einzige plausible Stressvermeidungsstrategie dar, weil ihr beschränkter Handlungsspielraum alternative Reaktionen (Wohnortwechsel, Statusveränderung, psychische Kompensation) nicht zulässt.

Diese Modellkonzeption der Untersuchung eines Statusinkonsistenzmodells für Kinder stellt einen besonders sorgfältigen Versuch einer inhaltlich begründeten Anpassung vorfindlicher Konzepte dar. In herkömmlichen Modellen von Inkonsistenzen zwischen zwei Statusdimensionen einer Person würden Norm- und Gerechtigkeitsvorstellungen vorausgesetzt werden (z.B. die Zuordnung ‘angemessener‘ Einkommen bei bestimmten Bildungsniveaus), die als unrealistische Annahmen über den Bewusstseinszustand eines Kindes einzustufen sind. Das Untersuchungskonzept ist deshalb dahingehend modifiziert worden, dass die Abweichung des eigenen Status von der „Norm“ der näheren Umwelt (Statusdevianz) für Kinder durch ihre unmittelbaren Erfahrungen mit ihrer eigenen Umgebung erfassbar ist.



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