Dissertation: Die staatspolitische Bedeutung der Religion in Dostojewskijs

Die staatspolitische Bedeutung der Religion in Dostojewskijs "Großinquisitor"

Schriften zur Rechts- und Staats­philo­sophie, Band 6

Hamburg 2005, 156 Seiten
ISBN 978-3-8300-1830-8

Die Brüder Karamasow, Die Dämonen, Dostojewskij, Geschichtswissenschaft, Legitimität, Moral, Rechtswissenschaft, Religion, Schuld und Sühne

Zum Inhalt

Dostojewskij erforscht in seinen Romanen die Frage nach dem idealen Staatsmodell. Er stellt verschiedene Modelle vor, die in seiner Diskussion Bestand versprechen oder offensichtlich zum Scheitern verurteilt sind. Der ideale Staat soll nicht nur den Menschen den richtigen Weg ermöglichen, sondern muss auch Bestandskraft aufweisen. Er hat die Pflicht, nicht nur die richtigen Ziele zu verkörpern und den Menschen Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten, sondern auch Sicherheit zu vermitteln und die Bevölkerung zu ernähren.

Diese Anforderungen scheinen in Dostojewskijs Poem vom Großinquisitor als ein unüberwindbares Paradoxum. Die Klagerede des Großinquisitors wirft dem zurückgekehrten Sohn Gottes vor, den Menschen ein unmögliche Aufgabe gestellt zu haben. Einen religiösen Staat mit Freiheitsrechten zu gestalten, lässt sich in der Welt des Großinquisitors nicht realisieren. Seine Alternative ist ein getarnter autoritärer Staat, der die Grundwerte der christlichen Religion nur nach außen verspricht.

Ein wesentliches Kriterium für die Beurteilung der idealen Staatsform ist der Wahrheitsgehalt. Dostojewskij unterscheidet zwischen Staatsmodellen, die lediglich eine zweckdienliche Form aufweisen, ohne auf die Authenzität ihres Sittengesetzes zu achten, und solchen, die beides vereinen. In diesem Kontext scheint ihm die Gewährung der Religionsfreiheit gefährlich. Sie könnte sich als eine Bedrohung für den Staat erweisen, die nur Verwirrung schafft und das Volk in den Nihilismus treibt. Der Nihilismus bedeutet den Werteverfall der Gesellschaft. Daher erwartet Dostojewskij als mögliche Folge der Religionsfreiheit die Amoralität. Ohne eine religiöse Grundeinstellung erscheint ihm das Gesetzesgeflecht eines Staates als basislos und für die Bevölkerung nicht als bindend. Diese Verhältnisse enden nach seiner Vision in Krieg und Leid.

Jedoch sieht Dostojewskij auch die Schwierigkeiten des Glaubensstaates. Den Verlust der Freiheit stellt er im Regime des Großinquisitors eindringlich dar. Die Bevormundung des Volkes durch eine falsche Kirche, allein politisch motiviert, wird als entartetes Modell vorgeführt.



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