Doktorarbeit: Chinesische und deutsche sprichwörtliche Redensarten

Chinesische und deutsche sprichwörtliche Redensarten

Eine kontrastive Betrachtung unter sprachlichen, funktionellen und kulturhistorischen Aspekten am Beispiel von Tierbildern

PHILOLOGIA – Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse, Band 56

Hamburg 2003, 382 Seiten
ISBN 978-3-8300-1043-2 (Print)

Idiomatische Redewendungen, Phraseologie, Sprachwissenschaft, Sprichwörter, Tiersymbolik, Vergleichende Linguistik

Zum Inhalt

Sprichwörtliche Redensarten enthalten eine reiche Palette von kulturspezifischen Sprachbildern. Hinter ihnen stecken astrologische, philosophische und religiöse Gedanken unserer Vorfahren.

Anhand der Tierbilder im chinesischen Tierkreiszeichen werden die kulturhistorischen Wurzeln der sprichwörtlichen Redensarten in beiden Sprache näher betrachtet. Tieren werden bestimmte Eigenschaften nachgesagt. Ihre Symbolik im Chinesischen sowie im Deutschen wird mit Beispielen aus dem Volksglauben und der Literatur verglichen. Damit wird das Verständnis der betreffenden sprichwörtlichen Redensarten gefördert.

Der Drache (long ) z. B. ist das fünfte Tier im chinesischen Tierzyklus. Diese Totemfigur spielt in zahlreichen chinesischen mythologischen und legendären Vorstellungen eine tragende Rolle. Man erzählt, dass Konfuzius vom Schwarzen Drachen mit unergründlicher Weisheit beschenkt wurde und dass bei seiner Geburt zwei blaue Drachen über seinem Haus erschienen.

Der Drache steht für das Yang-Element bzw. die männliche, schöpferische Naturkraft. Im Kaisertum galt er als Sinnbild des Kaisers, des Himmelssohns. Bis heute sehen die Chinesen sich als Nachkommen des Drachen. Im Volksmund symbolisiert er Macht und Glück. Das Fabelwesen drückt vor allem „abstrakte“ Werte wie Erhabenheit, Vitalität und Ästhetik aus. Der Ausdruck sheng long huo hu bedeutet wörtlich „lebhafte Drachen und dynamische Tiger“ und idiomatisch „voller Lebenskraft; frisch und munter“. Um Kindern einen glücklichen Lebensanfang zu bescheren, werden im Jahr des Drachen mehr Kinder als sonst geboren.

Im Deutschen gibt es zwei Begriffe, Drache und Lindwurm, um das Fabeltier zu bezeichnen. Als „goldenes Zeitalter“ des Drachen im europäischen Kulturraum könnte man das christliche Mittelalter bezeichnen, in dem der Drache jedoch das böse Prinzip verkörperte. Der Drache stand für den Teufel. Der Erzengel Michael und der heilige Georg z. B. waren bekannte Drachenbezwinger. Der Sieg über das unheilbringende Ungeheuer war eine Heldentat in vielen deutschen Märchen und Sagen.

Im Chinesischen wird die Fähigkeit des Drachentötens als nutzlos bezeichnet: Der Ausdruck tu long zhi ji [schlachten/Drache/von/Kunstfertigkeit] bedeutet „über eine äußerst gute, aber unrealistische Kunstfertigkeit verfügen“.

Als „wahren Drachen„ bezeichnet man im Deutschen eine streitsüchtige Frau. Im chinesischen Kulturraum wird der innigste Wunsch der Eltern, dass ihr Sohn allen anderen überlegen sei, durch wang zi cheng long „der Sohn wird ein Drache“ ausgedrückt.
Solchen „falschen Freunden“ geht das Buch nach und hofft, in bescheidenem Maße zur Völkerverständigung beizutragen.



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