Doktorarbeit: Moderne Verkehrsarchitektur der Zwischenkriegszeit

Moderne Verkehrsarchitektur der Zwischenkriegszeit

Der Eisenbahnarchitekt Hans Kleinschmidt (1882–1967) und seine Hochbauten im Bezirk der Reichsbahndirektion Mainz

Schriften zur Kunstgeschichte, Band 73

Hamburg 2020, 670 Seiten
ISBN 978-3-339-11608-6 (Print), ISBN 978-3-339-11609-3 (eBook)

Bahnbauten, Eisenbahnarchitekten, Eisenbahnarchitektur, Eisenbahnersiedlungen, Empfangsgebäude, Hans Kleinschmidt, Mainz, Mittelrheintal, Reichsbahn, Reichsbahndirektion, Stellwerk, Stellwerksgebäude, Verkehrsarchitektur, Wiesbaden, Zwischenkriegszeit

Zum Inhalt

Erstmalig wird das beindruckende Werk des Wiesbadener Architekten Hans Kleinschmidt ausführlich erforscht und in einem umfangreichen Inventar dokumentiert.

Der Autor untersucht den bewegten Werdegang von Hans Kleinschmidt, der vor dem Zweiten Weltkrieg als Hochbau-Dezernent die Bautätigkeit der Reichsbahndirektion Mainz betreute und in der Nachkriegszeit als Präsident der Eisenbahndirektion Mainz den Wiederaufbau der zerstörten Schieneninfrastruktur im Rhein-Main-Gebiet organisierte. Kleinschmidts Werk wird aus geschichtlicher, technischer und kunstgeschichtlicher Perspektive betrachtet. In den ersten Kapiteln widmet sich der Autor der Architektenbiographie, der Unternehmensgeschichte der Deutschen Reichsbahn sowie der besonderen Stellung dieser staatlichen Eisenbahnverwaltung und ihrer Hochbau-Dezernenten als Bauherr. Ein vergleichender Überblick von zeitgenössischen Architekturaufsätzen vermittelt aufschlussreiche Eindrücke vom beruflichen Selbstverständnis der eine Minderheit in der Eisenbahnverwaltung darstellenden Reichsbahn-Architekten, der engen Zusammenarbeit dieser kleinen Berufsgruppe mit den Ingenieuren anderer Fachdisziplinen sowie den damals verbreiteten Vorstellungen von zeitgemäßer Baukunst, welche die neuzeitliche Verkehrsarchitektur im komplexen Spannungsfeld zwischen Traditionalismus und Moderne nach dem Ersten Weltkrieg prägten. Als am häufigsten vertretene Gebäudegattungen der Eisenbahn werden schwerpunktmäßig die Empfangsgebäude der Personenbahnhöfe sowie die zur Sicherung des Bahnbetriebs notwendigen Stellwerksgebäude in zwei Kapiteln umfassend thematisiert. Dabei wird die Baugestaltung dieser Betriebsgebäude sowohl aus technikgeschichtlicher als auch aus kunstgeschichtlicher Sicht grundlegend erklärt. Im Hauptkapitel stellt der Autor die die Hochbauten der Reichsbahndirektion Mainz in den Bundesländern Hessen und Rheinland-Pfalz gruppenweise nach Gebäudegattungen geordnet vor. Von besonderem Interesse sind dabei die heute als technische Denkmäler unter Denkmalschutz stehenden Betriebsgebäude von Hans Kleinschmidt an den Rheinstrecken zwischen Bingen, Rüdesheim und Koblenz im UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Der Autor geht der spannenden Frage nach, mit welchen architektonischen Mitteln der Architekt seine qualitätvollen Entwürfe in die historische Flusslandschaft integrierte.

Gekonnt setzte Hans Kleinschmidt zeittypische Formen der traditionellen Heimatschutzarchitektur, des ausdrucksstarken Expressionismus oder des „sachlichen Bauens“ im Stil der Klassischen Moderne ein, um mit einfachsten architektonischen Mitteln herausragende Symbiosen von Funktion und Form zu schaffen. Viele seiner progressiven Entwürfe sind sogar unmittelbar vom avantgardistischen Art Déco oder von der „Neuen Sachlichkeit“ beeinflusst, deren Protagonisten von den Nationalsozialisten aus ideologischen Gründen kulturpolitisch bekämpft wurden. Ihre außgergewöhnlich mutige Baugestaltung spiegelt das künstlerische Talent und die Neigungen des vielseitig interessierten Architekten wieder, der sich bei seinen Reisen ins Ausland von internationaler Baukunst inspirieren ließ. Ein Kapitel über die Wohnungsfürsorge der Deutschen Reichsbahn und die vielfältigen Wohnungsbauten der „Siedlungsgesellschaft für das Verkehrspersonal“ von Hans Kleinschmidt sowie eine ganzheitliche Schlussbetrachtung seines bemerkenswerten Schaffens runden die Arbeit ab.

Das mit über 400 Abbildungen reich bebilderte Werk stellt eine spannende Architekten-Monographie und grundlegendes Nachschlagewerk zur Verkehrsarchitektur der Deutschen Reichsbahn dar. Es bietet eine unverzichtbare Quellensammlung und wertvolle Fundgrube für alle Interessierten, die sich mit historischer Eisenbahnarchitektur beschäftigen.



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