Dissertation: Gewalt, Aggression und Weiblichkeit

Gewalt, Aggression und Weiblichkeit

Eine psychoanalytische Auseinandersetzung unter Einbeziehung biographischer Interviews mit gewalttätigen Mädchen

Gender Studies – Interdisziplinäre Schriftenreihe zur Geschlechterforschung, Band 5

Hamburg , 276 Seiten

ISBN 978-3-8300-2703-4 (Print)
ISBN 978-3-339-02703-0 (eBook)

Zum Inhalt

Gewaltkriminalität wird überwiegend von Jungen und jungen Männern verübt und nicht von Mädchen oder jungen Frauen. Besonders für Mäd-
chen scheint Gewalttätigkeit soziale Marginalisierung zu bedeuten und
nicht geeignet, Weiblichkeit zu demonstrieren. Allerdings zeichnet sich in
letzter Zeit eine deutliche Veränderung der geschlechtsspezifischen Ver-
teilung von Gewalttätigkeit ab. Diese Entwicklung stellt eine Herausfor-
derung für die Hypothese von der „friedfertigen Frau“ (Margarete Mit-
scherlich) dar. Bisher beschäftigte sich die psychoanalytische Diskussion
vorrangig mit dem „nach innen“ gerichteten aggressiven Potential von
Frauen und Mädchen; die Entwicklung von Weiblichkeit ist auf dem der-
zeitigen Stand der psychoanalytischen Forschung geradezu mit einer Verhinderung offener Aggressionsäußerung verbunden.

Der erste Teil setzt sich auf diesem Hintergrund ausführlich und kritisch
mit der einschlägigen soziologischen und psychoanalytischen Literatur
über den Zusammenhang von Weiblichkeit, Aggression und Gewalt aus-
einander, wobei insbesondere die spezifischen Konfliktlagen der weib-
lichen Adoleszenz im Mittelpunkt stehen.

Im empirischen Teil des Buches wird anhand von vier biographischen In-
terviews der Frage nachgegangen, welche Bedeutung das auffällig ge-
wordene eigene gewalttätige Verhalten für die interviewten Mädchen –
sowohl als Ausdruck als auch als Lösungsversuch von Konflikten – hat.
Es kann anhand der Interviews herausgearbeitet werden, wie die Mäd-
chen ihr gewalttätiges Verhalten in ihre weibliche Geschlechtsidentität
integrieren, bzw. die Konflikte zu lösen versuchen, die sich aus der Not-
wendigkeit der Vereinbarung der Gewalttätigkeit mit ihrer sich in der Adoleszenz weiter herausdifferenzierenden weiblichen Geschlechtsiden-
tität ergeben.
Neben der jeweiligen Bedeutung des Gewalthandelns für die Mädchen
geht es dabei vor allem um die spezifischen Situationen, in denen die
Gewalt entsteht. Die Befunde machen deutlich, dass allgemeine Aus-
sagen über „typisch weibliches“ Aggressionsverhalten nicht getroffen
werden können, sondern dass es notwendig ist, soziokulturelle und
biographische Faktoren systematischer in eine Theorie über Weiblichkeit,
Aggression und Geschlecht einzubeziehen.

Die Autorin zeigt, dass es neben einer Gewalttätigkeit mit einer Ableh-
nung von Weiblichkeit, und einer verurteilten, abgespaltenen Gewalt im
Kontrast zur weiblichen Geschlechtsidentität, auch die Möglichkeit gibt,
dass Gewalttätigkeit Teil der weiblichen Geschlechtsidentität wird, indem
Gewaltbereitschaft als Variante einer durchsetzungsfähigen Weiblichkeit
interpretiert wird. Eine solche gewaltintegrierende Weiblichkeitskonstruk-
tion verweist darauf, dass Mädchen Gewalt nicht als eine nur männlichen
Jugendlichen zustehende, und damit „typisch männliche“ Handlungsop-
tion wahrnehmen bzw. nach traditionellen Geschlechtsrollenmustern aus-
schließlich auf „nach innen“ gerichtete Äußerungsformen von Aggression
ausweichen. Gewalttätiges Verhalten kann auch als vereinbar mit Weib-
lichkeit interpretiert werden.
Die Gewaltorientierungen der untersuchten Mädchen weisen auf eine Dy-
namik von Geschlechterkonzepten hin. Auf jeden Fall muss festgehalten
werden, dass die These der weiblichen Aggressionshemmung und der
sich daraus ergebenen „Friedfertigkeit“ nicht aufrechterhalten werden
kann.

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