Doktorarbeit: Die Gedächtnisrelevanz der Verbalklammer

Die Gedächtnisrelevanz der Verbalklammer

Untersuchung zur kognitiven Funktionalität einer topologischen „Kapriole“ der deutschen Sprache

PHILOLOGIA – Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse, Band 44

Hamburg 2000, 180 Seiten
ISBN 978-3-8300-0315-1 (Print)

Rezension

[…] Plausibles Hauptergebnis der seriösen Untersuchung ist, daß sich verbale Diskontinuitäten positiv auf die Behaltensleistung von Lesern auswirken, zumindest innerhalb des fokussierten, allerdings durchaus typischen Beispielrahmens. Vor allem für Hypothesen über die Verständlichkeit von Texten sollte dies solche Einschätzungen relativieren, die davon ausgehen, daß kurze Satzteile, insbesondere wenige Wörter im Mittelfeld, generell die Textverständlichkeit verbessern.

Germanistik, Band 43 (2002) Heft 1/2

Gedächtnisrelevanz, Kognition, Leserpsychologie, Psycholinguistik, Satzklammer, Sprachwissenschaft, Textverständlichkeit, Verbalklammer, Wortstellung

Zum Inhalt

An dem für die deutsche Sprache typischen Phänomen der Trennbarkeit vieler Verben entzünden sich seit geraumer Zeit die Gemüter. Wohlbekannt ist dazu das satirische Lamento Mark Twains: „Whenever the literary German dives into a sentence, that is the last you are going to see of him till he emerges on the other side of his Atlantic with his verb in his mouth.“ Während also die einen die sogenannte Verbalklammer als unnötige, verständnishemmende Gedächtnisbelastung verurteilen, unterstellen ihr dagegen andere eine gedächtnisstimulierende Wirkung.

Um zu vermeiden, das schillernde Spektrum kontroverser Meinungen lediglich um eine weitere Variante zu „bereichern“, geht der Autor die Streitfrage „mit dem Mut zur Überschreitung traditioneller wissenschaftlicher Grenzen“ (Prof. Dr. Ludwig M. Eichinger) an.

Ausgehend von diversen Forschungsansätzen der deutschen Sprachwissenschaft werden wesentliche Erkenntnisse und ausgefeilte empirische Methoden der Nachbardisziplinen Psycholinguistik und Leserpsychologie fruchtbar gemacht. Mit Hilfe einer experimentellen Untersuchung gelingt es zu zeigen, dass sich die verbale Diskontinuität in der schriftlichen Kommunikation im Bereich der deutschen Gegenwartssprache keinesfalls negativ auf die Behaltensleistung des Lesers auswirkt. Im Gegenteil: bei einem Mittelfeldumfang von 9 bis 19 Wörtern manifestiert sich eindeutig die kognitive Funktionalität der lexikalischen Verbalklammer. Ausgehend von diesem Ergebnis kann die Ausklammerung nicht mehr generell als Möglichkeit zur Steigerung der kommunikativen Effizienz gepriesen werden.

In Anbetracht der nachgewiesenen Behaltenswirksamkeit steht weiterhin zu erwarten, dass die Textverständlichkeitsforschung künftig verbale Klammerstrukturen bei der Definition ihrer Textverständlichkeitsdimensionen angemessen berücksichtigen wird.



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