Doktorarbeit: Die Todesproblematik im Schaffen von F. M. Dostoevskij

Die Todesproblematik im Schaffen von F. M. Dostoevskij

POETICA – Schriften zur Literaturwissenschaft, Band 47

Hamburg , 302 Seiten

ISBN 978-3-8300-0134-8 (Print)

Zum Inhalt

Drängender als Shakespeare, Calderón und Goethe formulierte Dostoevskijs (1821-1881) Ästhetisierung der letzten Dinge die Frage nach der Bestimmung des Menschen. Die aus der Biographie des russischen Romanciers bekannten Grenzerfahrungen wie Krankheit, Wahnsinn und Todesnähe verbürgen bereits für sich eine vergleichslose schöpferische Produktivität bei der Thematisierung des Todes. Bisher umging die Forschung das reichhaltige Leichenarsenal des Romanwerks mit dem Hinweis, der Tod der Figuren bestätige ein ethisches Gesetz.

Dagegen durchleuchtet diese Arbeit mit nekrophiler Tiefenschärfe erstmals die Abgründe der figuralen Innenwelten in ihren letzten Augenblicken. Von dort aus wird der Blick auf die Inszenierung von Sterbeszenen und Leichnamen gelenkt. Vor dem Hintergrund dieser rein literaturwissenschaftlichen Betrachtung spannt sich schließlich der philosophisch-theologische Sinngebungshorizont des Todes auf. Dieses Gesamtbild setzt sich aus einer in vier Etappen verlaufenden Leichenschau zusammen:

Für das sentimentalistisch-romantische Frühwerk bilden seelische Deformationen wie Melancholie, Hypochondrie und Einsamkeit die inhaltlichen Schwerpunkte. Der zweite Teil widmet sich der Darbietung des weiblichen Todes. Dostoevskijs konservatives, mythenhaftes Frauenbild, aufgehoben in einer göttlich bestimmten Ordnung, dient dabei als richtungsweisendes Erklärungsmodell für Grund und Verlauf der weiblichen Sterbeszenen. Die bereitwillige Hinnahme des eigenen Todes kennzeichnet ebenso das Figurenverhalten der im dritten Teil untersuchten männlichen Protagonisten. Doch unterscheidet sich deren erwartetes Erlöschen durch unerschütterliche Ruhe und Zuversicht von den Frauengestalten und kommt damit zu einer eigenen poetischen Aussage. Das dem diametral gegenüberstehende Verhalten zum Tod, den Selbstmord, bespricht der letzte Teil. Neben der Langeweile, Sinnleere und sexuellen Triebhaftigkeit steht die Auflehnung gegen die göttliche Harmonie als Hauptmotiv selbstvernichtender Rebellion im Vordergrund. Besonders der vom Glauben besessene Selbstmörder Kirillov aus „Die bösen Geister“ wirft die Frage auf, ob nicht der menschliche Tod das eigentliche Motiv für jegliche Götter- und Mythenbildung ist.

Während andere europäische Dichter des 19. Jahrhunderts den Tod bereits als ultimatives Gewesensein auffassen, sucht Dostoevskij ihm eine höhere Bestimmung im Geiste der christlichen Heilslehre abzuringen. Doch sowohl dem Künstler als auch dem Privatmann bereitet die Spannung zwischen naturwissenschaftlichem Begreifen der Dinge und religiöser Sinnstiftung quälende Zweifel, wie sie auch noch für das folgende Jahrhundert grundlegende Gültigkeit beanspruchen.

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