: Die Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (1934 - 1945)

Die Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (1934 - 1945)

Schriften zur Kultur­wissenschaft, Band 15

Hamburg 1998, 496 Seiten
ISBN 978-3-86064-681-6

Autonomie, Bildstellen, Kulturwissenschaft, Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht, Reichsstelle für den Unterrichtsfilm, RfdU, RWU, Schulfilmbewegung, Widerstand

Zum Inhalt

Mit der hier vorgelegten Arbeit soll ein Beitrag zur historischen Darstellung des Bildstellenwesens vor dem Hintergrund völliger Zentralisierung in der nationalsozialistischen Ära geleistet werden, speziell des Versuchs seiner Leitstelle der "Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht" (RWU), - bis 1940 "Reichsstelle für den Unterrichtsfilm" (RfdU) - eine objektiv vertretbare, d.h. überparteiliche und ideologisch unabhängige medienpädagogische Arbeit zu betreiben.

Aufgrund intensiver Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der hier skizzierten Problematik, die den Verfasser auch mit zahlreichen ehemals leitenden Herren der RWU zusammengebracht hatte, wurden der Arbeit fünf Thesen zugrunde gelegt:

1. Eine freiheitlich orientierte und auf ideologische Unabhängigkeit bedachte pädagogische Arbeit wurde primär durch die in der RWU tätigen Pädagogen mit deren, der NS-Ideologie zumeist kritisch gegenüberstehender soziokultureller Herkunft möglich.

2. Die Durchsetzbarkeit der auf Eindämmung des parteipolitischen Einflusses bedachten Maßnahmen der RWU, speziell des Reichserziehungsministeriums, wurde durch die persönlichen gegenseitigen Aversionen der Minister Rust und Goebbels erleichtert, vor deren Hintergrund der mit der ministeriellen Aufsicht der RWU betraute Beamte im REM seine auf Abschirmung der Schulen vor dem Einfluß nationalsozialistisch ausgerichteter Verfügungen und Erlasse weitgehend realisieren und persönlich unbeschadet überstehen konnte.

3. Die doppelgleisige juristische Struktur der RWU ließ es gegenüber der politischen Führung zu, die Verantwortlichkeit bedarfsweise auf das Institut als nachgeordnete Dienststelle des REM oder auf die RWU als privatrechtliche GmbH abzuwälzen bzw. zwischen beiden juristischen Personen hin und her zu schieben.

4. Die RWU wurde auch deshalb vom Propagandaministerium nicht mit letzter Konsequenz zur Eingliederung in den Zuständigkeitsbereich Goebbels gezwungen, sondern weitgehend geduldet, weil sie anfänglich zu klein und unbedeutend und später dem Ausland gegenüber ein hin und brauchbares Aushängeschild der NS-Regierung war.

5. Es war verhältnismäßig einfach, alle Maßnahmen der RWU bzw. des REM, die den Expansionsdrang Goebbels hemmen sollten, rein pädagogisch und sachlich zu begründen. Zusätzlich war es möglich, aufgrund der schon vor 1933 üblichen, jedoch als unpolitisch empfundenen Betonung der Bodenständigkeit und Akzentuierung der Deutschstämmigkeit, zu beweisen, daß die so konzipierten Unterrichtsmedien auch oder gerade in einer Propagandaton freien Fassung eine zentrale Funktion in der nationalsozialistischen Medienerziehung erfüllen konnten.

Die Darstellung beginnt mit einem Abriß der Unterrichsfilmarbeit der 20er Jahre, ihren mediendidaktischen Ansätzen, der Diskussion um Finanzierungsmodelle des Unterrichtsfilms und Aufgaben einer zentralen Leitstelle sowie der Entwicklung des Bildstellenwesens als einer gut funktionierende Organisation mit einer bereits festen Struktur. Mit der 1919 gegründeten Bildstelle des "Zentralinstituts" war überdies das Modell einer zu schaffenden Zentrale vorgegeben und bereits praktisch erprobt worden. Die ganze weitere Entwicklung nach der Machtergreifung fußte auf diesen praktisch-organisatorischen und finanztechnischjuristischen Vorarbeiten in der Weimarer Zeit. Mit der Gründung der "Reichsstelle für den Unterrichtsfilm" im Jahre 1934 war im Grunde nur dem von allen auf dem Unterrichtsfilmsektor tätigen Organisationen und Einzelpersonen empfundenen "dringenden Bedürfnis nach Schaffung einer Zentrale" (Seeger 1925) entsprochen worden. Ohne Zweifel drohte die gesamte Schulfilmbewegung im Jahre 1933 durch den Griff Goebbels nach den Massenmedien, zu propagandistischen Zwecken mißbraucht zu werden. Daß es ganz anders kam, ist hauptsächlich dem persönlichen Einsatz von Dr. Kurt Zierold zu danken, der als dem Ministerialrat im REM die ministerielle Aufsicht über die RWU geführt, alle sie betreffenden Erlasse herausgegeben hatte, gleichzeitig ihr Vorsitzender als GmbH gewesen, aber nie Mitglied der NSDAP geworden war. Für den ehemaligen britischen Kontrolloffizier Major Buckland-Smith, den der Verfasser in London persönlich aufsuchen und sprechen konnte, ein schier unerklärlicher Umstand.

Die Zahl der Publikationen, die sich mit der Entwicklung der Bildstellen befaßt, ist überschaubar geblieben. Unter ihnen überwiegen zahlenmäßig die verbandsinternen Veröffentlichungen in den Fachzeitschriften. Während sich die Vertreter des Bildstellenwesens unpolitisch sehen und sich einer objektiven pädagogischen Arbeit verpflichtet fühlen, treten die in der Bildstellenorganisation nicht tätigen, aber an ihr interessierten Pädagogen und Wissenschaftler in der Regel als Kritiker auf, implizieren eine politische Abhängigkeit pädagogischer Arbeit innerhalb der jeweiligen Epoche mit seinen besonderen politischen Rahmenbedingungen und legen hier in aller Regel den Finger speziell auf die Wunde einer vermeintlichen nationalsozialistischen, d.h. parteikonformen faschistischen Vergangenheit.



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