: Natur, Emotionalität und Verantwortung

Natur, Emotionalität und Verantwortung

Zum Werk des ukrainischen Alternativpädagogen V. A. Suchomlinkskij

EUB. Erziehung – Unterricht – Bildung, Band 60

Hamburg 1997, 72 Seiten
ISBN 978-3-86064-671-7 (Print)

Alternativpädagogik, Emotionalität, Erziehung, Hans Göpfert, Lernen, Natur, Pädagogik, Reformpädagogik, Suchomlinski

Zum Inhalt

Vasilij Aleksandrovic Suchomlinskij (1918-1970) ist der bedeutendste ukrainische Pädagoge des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Werke, von denen das wohl wichtigste „Mein Herz gehört den Kindern“ ist, entstanden in den 50er und 60er Jahren und wurden in viele Sprachen übersetzt. Leider sind seine wichtigsten Bücher in Deutschland nur in der ehemaligen DDR erschienen. Diese Studie soll dazu dienen, Suchomlinskij auch in Westdeutschland publik zu machen.

Der historische Hintergrund, vor dem er schreibt, ist die Geschichte der Ukraine unter dem Einfluss der Sowjetunion und des zweiten Weltkriegs. Suchomlinskij sieht um sich herum das Elend des ukrainischen Volkes, doch trotz aller widrigen Umstände hält er stets an der Liebe zum Menschen und zur Natur fest, ja er bewahrt sich eine Art Religiosität. „Barmherzigkeit“ ist eine seiner zentralen Kategorien. So rettet er sich in einen tiefen Glauben an die Natur - was seine poesievolle Sprache bezeugt - und an das Gute im Menschen. Suchomlinskijs Werke zeugen von seinem Ringen um die menschliche Seele, und dieses Ringen ist das Fundament seiner Pädagogik.

Diese Grundhaltung lehrt er auch seine Schüler und Schülerinnen. Ohne sie über das Schwere im Leben zu täuschen, vermittelt er ihnen Liebe und Freude und eine psychische Orientierung, die für das ganze Leben angelegt ist - die Kinder sind nicht das Objekt von Studien, sondern immer das Gegenüber, der stets werdende Mensch. Dabei ist der einzelne Mensch unverwechselbar. Es geht Suchomlinskij um die Identität und die Individualität, die sich Menschen erkämpfen und einander in Liebe zugestehen - ein Vorgang, der dem täglichen Zusammensein seinen Sinn gibt. Er fordert zu einer Liebe auf, die den ganzen Menschen, auch seine Schwächen umfasst - nicht die von äußerer Schönheit, von äußerer und innerer Norm, vom bloßen Gefallen abhängige Liebe. Bei Suchomlinskij ist der Mensch keine Norm, die wiederholbar ist. Jeder Einzelne bereichert durch seine nur ihm eigentümliche Sicht der Welt das Leben der anderen. Damit schreibt er gegen die identitätslose, kollektive Masse an - und das, obwohl er sich aus Systemgründen mit der Kollektiverziehung befassen musste.

Suchomlinskijs erzieherisches Bemühen besteht unter anderem darin, jedes Kind an die Freude im Alltag heranzuführen. Er betrachtet das Kindesalter nicht nur als Vorbereitung auf das Erwachsenenalter, sondern sieht in ihm einen eigenständigen Abschnitt mit eigenen Gesetzen und eigenen Rechten. Er will jedes Kind zu einem selbständig denkenden und handelnden Mitglied der Gesellschaft erzeihen, zu einem Menschen, der seine besten Anlagen entfalten kann. Die besten Anlagen bestehen darin, sich in menschlichen Beziehungen und im Umgang mit der Natur zu verwirklichen, nicht im Anhäufen von Besitz oder in der Unterwerfung unter solche Menschen, die in Geld und Macht erst menschliche Erfüllung suchen. Das ist im Grunde eine urchristliche Einstellung, und so finden wir bei Suchomlinskij zentrale Begriffe wie Mitgefühl und Erbarmen. Manches klingt wie Utopie; dennoch ist die Erziehung in der Natur zur „Kultur der Gefühle“ ein aktuelles Programm, dem wir uns vorsichtig nähern sollten.

Die Autorin dieser Arbeit ist auch Herausgeberin des Buches Mein Herz gehört den Kindern von V. A. Suchomlinskij. Dieser Titel ist ebenfalls im Verlag Dr. Kovač erschienen.



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