: Konfliktimport durch Immigration

Konfliktimport durch Immigration

Auswirkungen ethnischer Konflikte im Herkunftsland auf die Integrations- und Identitätsentwicklung von Immigranten in der Bundesrepublik Deutschland

SOCIALIA – Studienreihe soziologische Forschungsergebnisse, Band 13

Hamburg 1996, 300 Seiten
ISBN 978-3-86064-444-7 (Print)

Rezension

[...] Wie wirken sich "ethnische Konflikte in den Herkunftsländern auf die inter-ethnischen Beziehungen zwischen den immigrierten Angehörigen der in Konflikt stehenden ethnischen Gruppen einerseits und zwischen ihnen und der deutschen Mehrheitsbevölkerung andererseits" (Vorwort) aus? Diese Frage untersucht der Autor (vergleichend) exemplarisch sowohl an nach Deutschland immigrierten Serben und Kroaten als auch an Türken und Kurden. [...]

Detlef Lemke, in:
Portal für Politikwissenschaft, 01.01.2006

Akkulturation, Assimilation, Ausländer, Ethnische Konflikte, Identität, Immigranten, Integration, Inter-ethnisch, Konfliktsoziologie, Kurden, Multikultur, Soziologie

Zum Inhalt

Mit diesem Buch schließt der Verfasser eine Forschungslücke im Feld der deutschen „Ausländerforschung“ bezüglich der sozialen Beziehungen von eingewanderten Immigranten-Minderheiten untereinander. Die empirische Arbeit verfolgt anhand der Beispiele der innertürkischen und -jugoslawischen Bürgerkriege die Frage, ob und in welcher Form diese ethnischen Konflikte von den Immigranten in die deutsche Gesellschaft „importiert“ werden und somit die soziale Integration der Einwanderer nachhaltig beeinflussen.

Ethnische Konflikte im Herkunftsland führen, das weist die umfangreiche Untersuchung nach, zu Re-Ethnisierungstendenzen bei den betroffenen Minderheitspopulationen: In der Dimension der Selbstidentifikation findet ein Wandel von einer vormals die ethnischen Gruppen der Serben und Kroaten bzw. Türken und Kurden verbindenden, (staats-)nationalen Identifikation als Jugoslawen bzw. Türken zu einer heute sich gegenseitig scharf abgrenzenden ethnischen Identifikation statt.

Diese ethnische Re-Identifikation wiederum hat starke Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen zwischen den jeweiligen Angehörigen der „Konfliktethnien“ untereinander sowie zwischen diesen und der deutschen Mehrheitsbevölkerung. Schließlich ist auch eine weitgehende strukturelle Verfestigung ethnischer Grenzziehungen festzustelle, da sich auch die institutionellen Kontexte der Ausländerbetreuung (z.B. muttersprachlicher Unterricht, Ausländervereine etc.) ethnisch segmentieren. Das Resultat ist eine zunehmende soziale Des-Integration der bundesrepublikanischen Gesellschaft in ihre ethnischen Bestandteile, und es ist fraglich, ob die von ethnischer Zugehörigkeit absehenden Mechanismen der Systemintegration in der Lage sind, den gesellschaftlichen Zusammenhang sicherzustellen.

Neben der soziologischen Relevanz besitzt dieses Thema auch eine politische Brisanz. Die Anschläge kurdischer Extremisten auf Einrichtungen türkischer Institutionen und Personen zeigen, dass der Transfer ethnischer Konflikte vom Herkunfts- zum Zuzugsland auch gewalttätige Formen annehmen kann. In praxeologischer Absicht versucht die Arbeit, Ansätze aufzuzeigen, wie politisch mit importierten Konflikten umgegangen werden kann.



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