: Das Scheitern eines unfreiwilligen Experiments: Die sowjetische Nationalitätenpolitik in der „Perestrojka“ (1985/87 - 1991) dargestellt am Beispiel Estlands

Das Scheitern eines unfreiwilligen Experiments: Die sowjetische Nationalitätenpolitik in der „Perestrojka“ (1985/87 - 1991) dargestellt am Beispiel Estlands

Hamburger Beiträge zur Geschichte des östlichen Europa, Band 1

Hamburg 1996, 470 Seiten
ISBN 978-3-86064-414-0 (Print)

Rezension

[...] Die Arbeit überzeugt nicht nur durch ihre detaillierte Analyse des umfangreichen Materials, sondern auch auf Grund einer übersichtlichen Gliederung und des rhetorisch ausgewogenen Stils.

Andreas Eis, in:
pw-portal.de, 01.01.2006

Estland, Geschichtswissenschaft, Gorbatschow, GUS, Michail Gorbacev, Nationalismus, Perestrojka, Souveränität, sowjetische Nationalitätenpolitik, UdSSR, Wirtschaftsreform

Zum Inhalt

„Die Welt geht, bildlich gesprochen, schwanger mit Veränderungen globalen Maßstabs“, bilanzierte Michail S. Gorbačev nach seinem Rücktritt als Staatspräsident der UdSSR. „Geburten“ gab es in jenen Tagen am Fließband. Die größte war das Ende der Sowjetunion, die dritte Epochenwende des 20. Jahrhunderts nach der Oktoberrevolution und dem Zweiten Weltkrieg. Zweierlei hat zum Zusammenbruch der Sowjetunion geführt: Das Scheitern des Sowjetsystems und die Herausbildung einer Alternative dazu in Gestalt der Nationen. Der Machtzerfall der KPdSU ging dem voraus. Die nationalen Ideen und Bewegungen stießen in dieses Machtvakuum, füllten es aus und besiegelten so das Ende des Vielvölkerreichs.

Diese Arbeit gibt eine detaillierte und analytische Darstellung des Zusammenbruchs der Sowjetunion vor dem Hintergrund der sowjetischen Nationalitätenpolitik in der Perestrojka am Beispiel Estlands und zeigt das Scheitern dieser Politik, die letztlich nichts anderes war als ein unfreiwilliges Experiment. Die sowjetische Nationalitätenpolitik blieb auch nach dem Amtsantritt Gorbačevs im März 1985 stereotyp. Die sowjetische Führung verdrängte und verharmloste die nationale Frage, gab erst ab Herbst 1989 Fehler zu - aber ohne sie zu korrigieren. Die Perestrojka sollte über eine begrenzte systemimmanente Reform auf wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene die Sowjetunion aus der Krise führen. Sie entwickelte aber eine Eigendynamik, die alle staatlichen Ebenen erfasste und zu einem nationalen Erwachen in den Republiken führte.

Estland spielte dabei eine herausragende Rolle. Die Republik sollte aus Sicht der sowjetischen Führung ein „Experimentierfeld“ sein, ein Teil des Experiments Perestrojka, dessen Gelingen die Grundlage bilden sollte für die Überwindung der allumfassenden Krise der Sowjetunion. Sie wurde aber Vorreiter in Fragen, die zum Ende der Union führten: Estland forderte zuerst eine Wirtschaftsautonomie, bildete zuerst eine Volksfront, veröffentlichte zuerst das Geheime Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt in einem offiziellen Medium, erließ zuerst eine Souveränitätserklärung. Das „Experiment“ verselbständigte sich: Ein unfreiwilliges Experiment „Nationalitätenpolitik“ setzte ein. Es stellte die sowjetische Führung durch immer neue revolutionäre Entscheidungen der Völker und Völkerschaften im Streben nach Selbständigkeit vor vollendete Tatsachen, nahm ihr so die Möglichkeit des Agierens, verdammte sie zu einer Politik des Reagierens - und mündete im Ende der Sowjetunion.



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