Doktorarbeit: Bischöfe für Europa? Der deutsche Episkopat und die Europäische Integration

Bischöfe für Europa? Der deutsche Episkopat und die Europäische Integration

Studien zur Zeitgeschichte, Band 105

Hamburg , 416 Seiten

ISBN 978-3-8300-9890-4 (Print)
ISBN 978-3-339-09890-0 (eBook)

Zum Inhalt

„Die Kirche hat die Europäische Einigung stets mit Wohlwollen begleitet.“
(Kardinal Reinhard Marx, 16 Juli 2015)

Mit dieser Aussage charakterisierte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Marx im Sommer 2015 die Geschichte der Beziehung zwischen katholischer Kirche und Europäischer Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Zitat ist Teil einer Stellungnahme mit dem Titel „Europa ist ein Projekt der Versöhnung, nicht der Spaltung“, welche Kardinal Reinhard Marx, zugleich Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union, aus aktuellem Anlass abgegeben hatte. Die akute Belastung der Europäischen Union durch die sogenannte Griechenlandkrise hatte den Kardinal dazu veranlasst, sich am 16. Juli 2015 zu Wort zu melden. Nur wenige Tage zuvor, am 12. Juli, war am Ende einer 17-stündigen Sondersitzung in Brüssel eine vorübergehende Einigung zwischen der griechischen Regierung und der Eurogruppe erreicht worden. In der Folge erhielt Griechenland weitere Soforthilfen, die Lage blieb jedoch angespannt.

Seit Ende Juni war es in Griechenland immer wieder zu tumultartigen Szenen gekommen, die Menschen stürmten die Geldautomaten, um sich Bargeld zu sichern. In dieser krisenhaften Atmosphäre war die zentrale Aussage des deutschen Kardinals eindeutig: Angesichts der akuten Krise sprach sich die katholische Kirche dezidiert für die Europäische Einigung aus. Diese Einigung, so führte der Kardinal vor dem Hintergrund der erfolgreichen Entwicklung Europas nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs aus, habe einst „den europäischen Völkern Frieden, Sicherheit und Wohlstand gebracht“. Als „Projekt der Versöhnung, nicht der Spaltung“ sei sie gerade auch angesichts der aktuellen Probleme zu fördern. Insbesondere für Christen, so schließt der Kardinal seinen Beitrag, handele es sich um ein Projekt, an dem sie „aus Überzeugung weiter mitarbeiten“ sollte.

Welche Rolle die katholische Kirche selbst bis dato im Rahmen dieses erfolgreichen Versöhnungsprojektes „Europäische Einigung“ gespielt hatte, bleibt in der Wortmeldung von Marx weitestgehend unerwähnt. Der eingangs zitierte Hinweis ist die einzige diesbezügliche Aussage, die der Ansprache zu entnehmen ist. Das Geschichtsbild, das hier fast beiläufig transportiert wird, ist indes eindeutig: Aus der Sicht des Kardinals hat die katholische Kirche der Annäherung in Europa immer positiv gegenübergestanden. Was aber ist bekannt über die immerhin mehr als 60 Jahre umfassende Geschichte der Beziehung zwischen der katholischen Kirche und der Einigung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg? War dieses Verhältnis tatsächlich immer von „Wohlwollen“ geprägt, wie es der Kardinal suggeriert? Die Forschung hat sich bisher nur sehr wenig mit der Geschichte dieser Beziehung befasst. Nur wenige Ansätze setzen sich analytisch mit diesem Themenfeld auseinander. Weite Teile der komplexen Beziehungsgeschichte zwischen katholischer Kirche und Europäischer Einigung sind noch unerforscht. Die vorliegende Arbeit hat sich daher zum Ziel gesetzt, zur Schließung dieses Forschungsdesiderats beizutragen.

Zeitlich begrenzt sich der Zugriff der Untersuchung auf die drei Jahrzehnte zwischen 1950 und 1980. Hierdurch wird im Hinblick auf die Europäische Einigung sowohl die Gründungsphase der Einigung in den 1950er und 1960er Jahren, als auch die erste Dekade der Konsolidierung erfasst, in deren Rahmen auch die erste direkte Wahl zum Europäischen Parlament erfolgen sollte – ein Ereignis, das sich für die kirchlichen Europaaktivitäten in den 1970er Jahren als von großer Bedeutung herausstellen sollte. Im Hinblick auf die katholische Kirche wird durch dieses Zeitfenster zudem der Verlauf eines umfassenden Wandlungsprozesses von Religiosität erfasst, den der Historiker Thomas Großbölting als „Epochenschwelle“ bewertet und in dessen Verlauf sich vor allem die aus dem 19. Jahrhundert stammenden sozialen Formen von Religiosität erheblich veränderten.

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