Forschungsarbeit: Schulische Leistungsbeurteilung

Schulische Leistungsbeurteilung

Der Einfluss von Motivation und Expertise auf das Lehrerurteil

Studienreihe psychologische Forschungsergebnisse, Band 187

Hamburg 2017, 110 Seiten
ISBN 978-3-8300-9343-5 (Print & eBook)

Diagnostische Urteilsbildung, Eindrucksbildung, Empirische Bildungsforschung, Erziehungswissenschaft, Kontinuum-Modell, Lehrerexpertise, Lehrerurteil, Schulische Leistungsbeurteilung, Soziale Urteilsbildung

Zum Inhalt

Die Kritik am Lehrer, seinen Fähig- und Fertigkeiten, ist wohl so alt wie der Beruf des professionellen Pädagogen selbst. Wenn es auch sehr schwierig ist, empirisch festzustellen, was eigentlich einen „guten Lehrer“ ausmacht, so hat doch jeder mehr oder weniger differenzierte Vorstellungen darüber, wie sich gute von schlechten Lehrern unterscheiden. Diese Studie, die im Rahmen eines Projektes zur diagnostischen Urteilsbildung von Experten entstanden ist, betrachtet den Lehrer als kompetenten Fachmann für die „Kunst des Unterrichtens“, beschäftigt sich mit Unterschieden zwischen Lehrerexperten und pädagogischen Laien bei der Wahrnehmung und Beurteilung von Schülern und fragt nach Faktoren, die diese Prozesse beeinflussen.

Einer internationalen Untersuchung zufolge, fallen die Urteile von Schülern über ihre Lehrer besonders negativ aus. Auch die Zensuren beurteilen Schüler ganz überwiegend negativ, wobei sie diese kritische Haltung mit einigen prominenten Vertretern der pädagogisch-psychologischen Forschung teilen. So kritisierte Ingenkamp bereits in den 70er Jahren die mangelnde Güte der Notengebung. Die Ergebnisse der internationalen Schulleistungsstudien, der PISA- und der IGLU-Untersuchung, zeigen, dass die Debatte um die „Fragwürdigkeit der Zensurengebung“ nichts an Aktualität verloren hat. Eines der besonders bedenklichen PISA-Ergebnisse lautet, dass es „deutschen Lehrerinnen und Lehrern ... an diagnostischer Kompetenz [fehlt]“. Während die geringe Qualität des „Messinstruments“ Lehrer bei der Notengebung seit Jahrzehnten bekannt ist, bietet die pädagogisch-psychologische Forschung jedoch nur wenige Erklärungen an, warum dies so ist.

Der Verfasser begreift die schulische Leistungsbeurteilung als einen sozial-kognitiven Prozess: Leistungsbeurteilung wird als personbezogenes Urteil verstanden und dem Paradigma der sozialen Kognition folgend untersucht. Leistungs- und Personbeurteilung werden als untrennbare Aspekte der Personwahrnehmung angesehen. Dabei wird auf das Kontinuum-Modell der Eindrucksbildung zurückgegriffen, welches zwei unterschiedliche Strategien der Verarbeitung personbezogener Information postuliert. Die eine Strategie ist durch die soziale Kategorisierung und die damit einhergehende Aktivierung eines bestimmten Stereotyps bestimmt, die andere Strategie ist durch die individuelle Wahrnehmung und Beurteilung einer Person und das damit verbundene Sammeln und Integrieren von Merkmalen dieser Person gekennzeichnet. Entscheidenden Einfluss auf diesen Prozess der Eindrucksbildung werden sowohl der Motivation als auch der Expertise des Wahrnehmenden/Urteilenden zugesprochen.

Diese Sichtweise soll die pädagogisch-psychologische Forschung zu Beurteilungsfehlern in der Notengebung in mehrerer Hinsicht bereichern. Zum einen soll über die Beschreibung von Urteilsfehlern im schulischen Kontext hinaus mit Hilfe des Kontinuum-Modells eine theoretische Erklärung geliefert werden, wann Fehler in der schulischen Leistungsbeurteilung entstehen. Zum anderen sollen Aussagen über den Einfluss der Motivation sowie der Expertise der urteilenden Person auf den Eindrucksbildungsprozess getroffen werden. Damit verbunden ist die Frage, unter welchen Bedingungen die schulische Leistungsbeurteilung fehlerbehaftet und stereotypenanfällig oder präziser am individuellen Fall orientiert ist.



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