Dissertation: Menschenwürde in der Pflege

Menschenwürde in der Pflege

Pflegetheorie und Ethik. Theologische Grundlagen und diakonische Profilierung

Ethik in Forschung und Praxis, Band 10

Hamburg 2010, 348 Seiten
ISBN 978-3-8300-5181-7 (Print & eBook)

Rezensionen

"[...] ist es verdienstvoll, dass sich die Diakoniewissenschaftlerin Ilona Agoston eine konzeptionelle Arbeit als Dissertationsthema gewählt hat, die ethische und theologisch-anthropologische Grundlagen mit Hilfe einer eigenen, an der biblischen Überlieferung orientierten Systematik reflektiert und die rudimentär schon vorhandenen Ansätze kritisch aufnimmt [...].
[...] Es gelingt ihr auch, Konsequenzen dieses neu gefüllten Würdebegriffs für die Pflegepraxis aufzuzeigen und in wohlbegründeter Überschreitung des ethischen Bereichs besonders spirituelle und seelsorgerliche Aufgaben einer diakonischen Pflege aufzuzeigen. Damit zeigt die Arbeit die theologischen und ethischen Kategorien, mit deren Hilfe die Diakoniewissenschaft ein eigenes Profil in die interdisziplinären Bemühungen um Qualität der Pflege und die Anerkennung der dort im diakonischen Bereich tätigen Personen und Einrichtungen einbringen kann. [...]

Heinz Schmidt, in:
Theologische Rundschau, ThR 78. Jahrg. Heft 2. Mai 2013

Mit ihrem Buch „Menschenwürde in der Pflege“ hat Ilona Agoston einen wichtigen Beitrag zum Thema Pflegetheorie und Ethik aus diakoniewissenschaftlicher Sicht vorgelegt, die den Diskurs über die Pflege und die ihr zugrunde liegenden Menschenbilder, die Bedeutung der Pflege in der Gesellschaft und nicht zuletzt die Erwartungen an die Pflege bereichert.

Hubert Kolling, in:
socialnet Rezensionen, 24.6.2011

Anthropologie, Diakonie, Menschenbilder, Menschenrechte, Menschenwürde, Nächstenliebe, Pflegeethik, Pflegekräfte, Pflegetheologie, Pflegetheorie, Seelsorge, Spiritualität, Sterbebegleitung, Theologie

Zum Inhalt

Pflege wird auch von den zugrunde liegenden Menschenbildern beeinflusst. Dies betrifft sowohl die pflegebedürftigen Menschen als Patienten, als auch die pflegenden Menschen als professionell Hilfeleistende. Nur Berufsbilder und damit auch das berufliche Selbstverständnis ändern sich viel schneller als die in der Gesellschaft fest verankerten Menschenbilder. Dies ist hinsichtlich der breiten Personenkreise in der Gesellschaft und ihrer Heterogenität nachvollziehbar. Die Unterschiede in der zeitlichen Entwicklung zwischen Berufs- und Menschenbild führten zu einer Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Patienten und der Leistungspalette der Pflegenden.

Das Verhältnis zwischen Patient und Pflegenden wird durch äußere Faktoren beeinflusst, wie den institutionellen Rahmenbedingungen in Form von Vorschriften und Gesetzen oder den Herausforderungen des Sozialmarktes. Die Professionalisierung und Akademisierung der helfenden Berufe hat sehr stark zur Entwicklung der Pflege und gleichzeitig auch zur Enttheologisierung dieser beigetragen. Jahrhundertenlang beruhte die Pflege und Versorgung alter und kranker Menschen auf der Basis philosophischer bzw. theologischer Vorstellungen, bevor im vorletzten Jahrhundert die Medizin als Bezugswissenschaft die Richtlinien vorgab. Erst nach dem zweiten Weltkrieg richtete sich das Augenmerk wieder mehr auf die nichtmedizinischen Aspekte. In dieser Zeit wurden die ersten Pflegetheorien in Amerika entwickelt, die auf Ganzheitlichkeit oder interpersonale Beziehungen fokussierten. In Europa hat die institutionelle Krankenversorgung zwar eine lange Geschichte, aber die Akademisierung setzte erst viel später ein. Während in Amerika die Theoriebildung langsam eine Tradition entwickelte, fand dieser Prozess in Deutschland erst in den 80er Jahren statt. Die Akademisierung begann etwa ein Jahrzehnt später. Die junge Pflegewissenschaft sucht jedoch immer noch nach ihrer Position zwischen Medizin und Sozialwirtschaft und verzichtet häufig auf eine fundierte philosophische Basis. Das zeigt sich auch daran, dass die Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Pflegetheorien im akademischen Bereich stattfinden und nur einen geringen Eingang in die Ausbildung finden. Die theoretische Forschung ist leider nicht unmittelbar mit der Praxis verknüpft.

Die postmoderne Gesellschaft ist durch die Suche nach alten-neuen Weltbildern und spirituellen Angeboten gekennzeichnet. Die lange Zeit als rein naturwissenschaftlich geltende Medizin entwickelt „weiche“ Seiten, wie auch der neue Trend Spiritual Care zeigt. Ganzheitlichkeit und Sinnfrage gewinnen wieder an Bedeutung. Wenn es um diese Fragen geht, ist die Theologie gefragt. Zunächst stellt sich die Frage, besteht überhaupt eine Verbindung zwischen der konkreten pflegerischen Versorgung kranker, alter und bedürftiger Menschen und der Bibel? Ist es Aufgabe des Gemeindepfarrers, des Leiters diakonischer Einrichtungen oder des Seelsorgers, sich mit dem diakonischen Auftrag der Kirche auseinander zu setzen, oder ist es Aufgabe der praktischen Theologie bzw. Diakoniewissenschaft? Sind von dieser Thematik auch die Pflegerinnen und Pfleger diakonischer Einrichtungen, die ihre Arbeit direkt am Krankenbett verrichten, betroffen? Was spielt es für eine Rolle, welche Motivation und Lebenseinstellung die Mitarbeiter auf der operationalen Ebene haben, solange die Arbeit den Vorschriften des Qualitätsmanagementhandbuchs entspricht und von staatlich examinierten Pflegekräften durchgeführt wird? Kann die Bibel im 21. Jahrhundert in einer multikulturellen und säkularen Gesellschaft eine adäquate Orientierung bieten?

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