Dissertation: Zur Struktur der Dickens-Motive in Franz Kafkas Roman „Der Verschollene“

Zur Struktur der Dickens-Motive in Franz Kafkas Roman „Der Verschollene“

„Meine Absicht war... einen Dickensroman zu schreiben“

Studien zur Germanistik, Band 33

Hamburg , 274 Seiten

ISBN 978-3-8300-4500-7 (Print)
ISBN 978-3-339-04500-3 (eBook)

Zum Inhalt

Franz Kafkas Absicht, einen Dickensroman geschrieben zu haben, stammt aus seinem Tagebucheintrag vom 8.10.1917. Dort konstatiert Kafka sein Verhältnis zu Charles Dickens, insbesondere zu dessen Entwicklungsroman „David Copperfield“ (1849/50): einerseits schreibt er Dickens’ Roman in seinem eigenen Projekt „Der Verschollene“ (1912-14) weiter; andererseits beurteilt er Dickens’ Kunst kritisch und widerruft sie. Es handelt sich um eine Selbsteinschätzung, die ziemlich singulär im Œuvre Kafkas dasteht.

Ausgehend von Kafkas Aussage untersucht der Autor die Dickens-Referenz genauer. Er kann dabei auf einschlägige Arbeiten, wie Mark Spilkas psychoanalytisch geprägte Studie „Dickens and Kafka. A Mutual Interpretation“ aus dem Jahr 1963, zurückgreifen. Im Unterschied zu Spilka geht der Verfasser jedoch philologischer vor. Statt wie bisher den Dickensroman unmittelbar an Motive in „David Copperfield“ anzuschließen, um Kafkas literarische Abhängigkeit (‘Einfluss‘) von Dickens zu demonstrieren, werden umgekehrt die von Kafka bezeichneten Motive als Bestandteile des Dickensromans verstanden. Damit wird die Eigenständigkeit von Kafkas eigenem Roman in Bezug auf Dickens erstmals hervorgehoben. Für dieses Vorgehen gibt es einen autorspezifischen Grund: den Gegensatz von Dickens’ weitausholendem Schreiben einer Geschichte, von den Ursprüngen des Helden bis in seine erzählerische Gegenwart, und von Kafkas Unfähigkeit, sich für eine Geschichte ‘in alle Weltrichtungen auszubreiten‘, wie er eigentlich müsste.

Die Untersuchung gliedert sich in drei Teile: Im ersten Teil geht der Verfasser den Ergebnissen von Spilkas Buch sowohl inhaltlich als auch methodisch nach, bevor er die Methode Kafkas hinsichtlich des Entwicklungsromans kritisch reflektiert und zum Ausgangspunkt eigener Strukturüberlegungen macht. Im zweiten Teil werden Bedeutung und ‘Geschichte‘ der Dickens-Motive, ihr propositionaler Sinngehalt und ihre Narrativität, ausführlich dargestellt. Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Intertextualität der Motive, wobei der Prätext stärker in den Vordergrund rückt.

Als Ergebnis hält der Verfasser fest, dass Kafkas Dickensroman an der Oberfläche formal die Kindheitsgeschichte David Copperfields nachschreibt. Der Werdegang von seinem Helden Karl Rossmann weiche aber entschieden von Davids gültigen Sinn- und Ordnungsmustern ab.

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