Dissertation: Die Vaterstädtische Stiftung in Hamburg in den Jahren von 1849 bis 1945

Die Vaterstädtische Stiftung in Hamburg in den Jahren von 1849 bis 1945

‘...einen Akt der Gerechtigkeit durch einen Akt der Wohlthätigkeit zu verewigen...‘

Schriften zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Band 10

Hamburg 2007, 338 Seiten
ISBN 978-3-8300-2797-3 (Print & eBook)

Emanzipation, Freiwohnungen, Geschichtswissenschaft, Juden, Jüdisches Bürgertum, Stiftungswesen, Verbürgerlichung, Wohnungsbau

Zum Inhalt

Als am 10. Juni 1849 der „Schillingsverein für Freiwohnungen“ in Hamburg gegründet wurde war nicht abzusehen, daß dieser der Wegbereiter für die noch heute größte Stiftung für Freiwohnungenin der Stadt werden sollte. Wohlhabende Bürger mit einem ausgeprägten Sinn für das Gemeinwohl hatten seit Jahrhunderten eine hohe Zahl von Gebäuden mit kostenlosen Wohnungen gestiftet, um damit bestimmte Bevölkerungsgruppen vor der Verarmung zu bewahren. Diese Einrichtungen stellten eine bedeutende Gruppe in der vielgestaltigen Stiftungshauptstadt dar, deren Entstehung stets gefördert wurde.

Die jüdischen Initiatoren dieses Vereins hingegen, überwiegend Kaufleute und einige Akademiker, erfuhren zunächst erhebliche Widerstände von Seiten der Instanzen, bis sie ihre Stiftung etablieren konnten. Diese sollte mit konfessioneller Parität, demokratischer Mitbestimmung und auf Expansion ausgerichtet eine neue Richtung im Stiftungswesen einschlagen, fernab der herkömmlichen patriarchalischen Prinzipien. Den Beschluß hatten die Gründer im Februar 1849 gefaßt, als infolge der Märzrevolution die bürgerliche Gleichstellung der Juden in der Hamburger Verfassung verankert worden war. Für dieses Ziel hatten sich die neuen Bürger in der jüdischen und der politischen Reformbewegung engagiert und wollten nun diesen bedeutenden Fortschritt im Emanzipationsprozeß mit ihrer Stiftung würdigen. Die Allgemeine Armenanstalt und maßgebliche Behörden erhoben letztlich Einsprüche aus Konkurrenzfurcht und wegen einer vermeintlich politisch-revolutionären Intention, wobei auch antijüdische Mißtöne aufklangen. Jedoch hielten die Urheber an ihrem innovativen Stiftungskonzept mit Vereinselementen fest und fanden dabei auch wie vorgesehen Unterstützung im liberalen christlichen Bürgertum. Zwei Jahre später bezogen dann sechs jüdische und sechs christliche Familien das erste Stift der „Stiftung zum Andenken an die bürgerliche Gleichstellung der Hamburger Israeliten“, seit 1876 die „Vaterstädtische Stiftung“.

Als der Wohnungsmangel zur Zeit der Urbanisierung dramatisch anstieg wurde der Ausbau auf schließlich elf Stifte vorangetrieben. Die Verwaltung der mehr als 500 Wohnungen mit über 600 Bewohnern und bis zu 1200 Mitgliedern organisierte der Vorstand effektiv wie das Management eines Unternehmens. Bemerkenswert war vor allem, daß dieser Ausbau nicht aus einem hohen Stiftungskapital erfolgte, sondern eher gemäß modernem Fundraising. Möglich wurde die Vergrößerung erst durch die Spenden und häufig beträchtlichen Zustiftungen aus dem jüdischen Bürgertum, für das die Stiftung als Monument der Gleichstellung auch eine ideelle Bedeutung hatte. Die biographischen Skizzen aller 75 Vorstandsmitglieder, darunter prominente Vertreter des jüdischen und christlichen Bürgertums, zeigen darüber hinaus ein hohes gemeinnütziges Engagement auf. Dessen Vielfalt weist netzartige Verflechtungen mit Schnittmengen zwischen Juden und Christen, aber auch signifikante Abweichungen auf. Der herausragend hohe Einsatz der jüdischen Administratoren für traditionelle und säkulare wohltätige Ziele spricht dabei für eine dauerhafte Bindung an die Normen der jüdischen Sozialethik.

Diese moderne Bürgerstiftung hatte viele Wohltäter zum Stiften animiert und genoß 1933 ein hohes gesellschaftliches Ansehen. Von den schärfer werdenden antijüdischen Maßnahmen wurde jedoch auch diese Stiftung betroffen und die verhängnisvollen Umstände der „Arisierung“ im Jahr 1938 schnitten die wohltätige, demokratische Tradition ab; Menschen und Gebäude wurden separiert in „jüdisch“ und „arisch“. Die einzelnen für Juden bestimmten Stifte, sogenannte „Judenhäuser“, mußten zum Zwangsaufenthalt vieler jüdischer Menschen vor ihrer Deportation werden, womit ihre eigentliche Bestimmung in ihr Gegenteil pervertiert wurde. 1945 wurde dann trotz aller menschlichen Tragödien an eine brachgelegene, positive Tradition angeknüpft, die das Hamburger Stiftungswesen wesentlich bereichert hat.



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