Doktorarbeit: Die Kanzlerschaft des Fürsten Hohenlohe 1894-1900

Die Kanzlerschaft des Fürsten Hohenlohe 1894-1900

Politik unter dem „Stempel der Beruhigung“ im Zeitalter der Nervosität

Studien zur Geschichtsforschung der Neuzeit, Band 48

Hamburg 2007, 622 Seiten
ISBN 978-3-8300-2694-5 (Print & eBook)

Rezensionen

[...] Als Hohenlohe 1894 das Amt des Reichskanzlers übernahm, hoffte der Fünfundsiebzigjährige auf eine kurze Interimszeit. So hat ihn auch die Forschung ganz überwiegend gesehen: ein Greis, gezeichnet durch Altersmüdigkeit und zunehmende Resignation im Amt. Gegen dieses Bild schreibt der Autor. Mit Erfolg. Er lässt die Leistungen hervortreten, die dagegen sprechen, die Kanzlerschaft Hohenlohes als eine Zeit des Stillstandes zu charakterisieren. Die Militärstrafprozessordnung wurde reformiert, das BGB vollendet, das Koalitionsverbot aufgehoben, mehrere repressive und protektionistische Vorhaben konnten verhindert werden.
[...]
Die vielen Korrekturen, die ihm [dem Verfasser] an den bisherigen Forschungspositionen gelingen, werden zwar vornehmlich die Spezialisten interessieren, doch sie runden sich zu einem Gesamtbild, das erkennen lässt, wie damals deutsche Reichspolitik gestaltet wurde. [...]

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Mai 2007

[...] Die Historiker des Kaiserreichs werden in Zukunft um diese Arbeit nicht herumkommen, auch wenn der Verfasser in angenehm unprätentiöser Weise nicht den Anspruch erhebt, sensationelle Neuigkeiten zu präsentieren. [...]
In der sorgfältig gegliederten Arbeit findet man sich rasch zurecht, begegnet bekannten und neuen Interpretationen und lernt parallel dazu, daß den Möglichkeiten der historischen Differenzierung kaum Grenzen gesetzt sind, ein klares Gütesiegel. Hohenlohe hat sich aus dem Knäuel des alltäglichen politischen Lebens nicht recht befreien können. Die Beschreibung seiner vielen (vergeblichen) Wege ergeben ein außerordentlich lesenswertes, gründlich recherchiertes und in manchen Details sicher richtungsweisendes Buch.

Michael Fröhlich, in:
Das Historisch-Politische Buch, 6/2006

[...] So gesehen ist es nicht nur ein Buch über Hohenlohe, sondern vielmehr eine brillante Studie über die politische Elite des Kaiserreiches. [...] ist die Einordnung Hohenlohes in die Zeit vor 1894 durch Zachau neu. [...] Das Buch präsentiert den bislang fehlgedeuteten, aber erfolgreichen Politiker, den letzten »in jeder Hinsicht zivil geprägten Entscheidungsträger des Kaiserreichs« (S. 554). [...]

Heiner Möllers, in:
Militärgeschichtliche Zeitschrift, Jg. 67 (2008), H. 2, S. 509ff.

Bernhard Bülow, Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Deutsches Reich, Geschichtswissenschaft, Kaiserreich, Reichskanzler, Wilhelm II.

Zum Inhalt

Der Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1819-1901) war von 1894 bis 1900 deutscher Reichskanzler. Das Urteil Bülows, Hohenlohe sei bereits 1897 ein „passiver Greis“ gewesen, bestimmt bis heute sein Bild in der Forschungsliteratur: Er erscheint, wenn überhaupt, als farbloser Nachfolger des eisernen Kanzlers Bismarck oder verblassender Vorgänger des Weltpolitikers Bülow.

Eine kritische Bestandsaufnahme vor allem des Nachlasses Hohenlohe zeigt den Fürsten jedoch als aktiven Politiker, der seine Ziele unauffällig, aber hartnäckig verfolgte. Er verfügte über umfangreiche politische Erfahrung als bayerischer Ministerpräsident (1867-1870), deutscher Botschafter in Paris (1874-1884) und Statthalter in Elsaß-Lothringen (1884-1894). Gegen die konkurrierenden Einflüsse auf den sprunghaften Kaiser Wilhelm II. fand Hohenlohe Verbündete im Reichstag, besonders in der Zentrumspartei. Er setzte den „unverantwortlichen Ratgebern“ hinter dem Thron das Gewicht der staatlichen Strukturen entgegen und konnte so mehrere reaktionäre Gesetzesvorhaben ebenso verhindern wie übertriebene Flottenrüstungspläne blockieren. Zugleich entzog er wiederholten Ansätzen zu einer preußisch-konservativen Staatsstreichpolitik, die er als Gefährdung des Reiches sah, den Boden. Damit stabilisierte er einerseits das Reich von 1871, dessen Einheit das Zentrum seines politischen Denkens war, und andererseits förderte er, nolens volens, die Demokratisierung des Kaiserreiches. Hohenlohe trieb - nach innen wie nach außen - Politik „unter dem Stempel der Beruhigung“.

In der zweiten Hälfte seiner Amtszeit erwuchs Hohenlohe durch Bülow und Tirpitz zusätzliche Konkurrenz, die er jedoch absichtlich förderte. Im Alter von 75 Jahren ins Amt berufen hatte er sich stets als Übergangskanzler verstanden, und in Bülow sah Hohenlohe seinen Nachfolger, weil er als einziger der Kandidaten keine Neigung zu einem Staatsstreich hatte. Entgegen der Lehrmeinung wurde Hohenlohe nicht verdrängt, sondern er zog sich bewußt weitgehend aus der Außenpolitik zurück, um Bülow das Hineinwachsen in die Nachfolge zu ermöglichen, während er innenpolitisch seine Reformbemühungen erfolgreich fortführte. Hohenlohes Kooperation mit dem Zentrum legte zugleich die Grundlage für Tirpitz’ Flottenpolitik. Er knüpfte damit an die Flottenbegeisterung der 48er Revolution an und erkannte zu spät die Gefahren der Weltpolitik.

Die Demütigung, seinem Nachfolger das Feld zu überlassen, nahm Hohenlohe hin, weil er es für seine Pflicht hielt, Persönliches zum Wohl des Reiches zurückzustellen. „Die wirklich Vornehmen, die gehorchen, nicht einem Machthaber, sondern dem Gefühl ihrer Pflicht“ (T. Fontane über Hohenlohe im „Stechlin“). Hohenlohe war der einzige Reichskanzler, der die persönliche Größe hatte, seine Nachfolge zu regeln, und ermöglichte so den einzigen friedlichen Kanzlerwechsel des Kaiserreichs.

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