Dietrich Hoffmann, Detlef Gaus, Reinhard Uhle (Hrsg.) Die Reformkonzepte Heinrich Roths - verdrängt oder vergessen?
Zur Rekonstruktion von Realistischer Erziehungswissenschaft und Entwicklungspädagogik
Hamburg 2006, 214 Seiten
Zum Inhalt
In den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts galt Heinrich Roth (1906-1983) nicht nur als bedeutender, sondern als überaus einflussreicher Pädagoge. Die von ihm von der Universität Göttingen aus in Gang gebrachte Modernisierung der Erziehungswissenschaft sowie die durch ihn als Mitglied des Deutschen Bildungsrates zur Diskussion gestellte Reformierung des Erziehungs- und Bildungswesens schienen weitgehend akzeptiert zu sein. Tatsächlich fielen beide Anstrengungen Gegenströmungen zum Opfer.
Seine Auffassungen zur Notwendigkeit einer ‘realistischen Wendung‘ der pädagogischen Forschung, zur Nützlichkeit der Zusammenführung unterschiedlicher Forschungsergebnisse unter einer ‘pädagogischen Fragestellung‘ und zur Dringlichkeit konkreter Veränderungen der Lehr- und Lernprozesse vor allem in der Schule sind offenbar vergessen, wenn nicht sogar verdrängt worden. Auffällig ist, dass mit Roths Pädagogischer Anthropologie auch das darin enthaltene Konzept einer ‘Entwicklungspädagogik‘ verloren ging, obschon deren Grundlagen trotz der neueren Erkenntnisse der Neurobiologie auch heute noch Bestand haben. Viele Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftler wollten augenscheinlich weder von der Entwicklungspsychologie Abschied nehmen noch von den ihnen geläufigen historisch-philosophischen Vergewisserungen.
In der gegenwärtigen Diskussion über die Mittel und Wege einer erneuten Bildungsreform ist von der Förderung von Begabung, vom frühen Lernen, von der Hinwendung zu Kompetenzen und Qualifikationen, von grundlegenden Wandlungen der Lehrerausbildung in einer Weise die Rede, als habe diese Probleme noch nie jemand systematisch bedacht. Deshalb fragen die Autorinnen und Autoren in diesem Band ebenso nach Roths Intentionen wie nach den Gründen für das Desinteresse an seinen Lösungen für die fortbestehenden Probleme.
Da sie dies zugleich aus Anlass des 100. Geburtstages von Roth tun, enthält der Band biographische Beiträge und ergänzende Texte, mit denen die Beziehungen von Leben und Werk des Autors vom Ende der Weimarer Republik über die Zeit des Nationalsozialismus bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland erörtert werden. Insbesondere der Charakter seiner veröffentlichten Dissertation und die Tätigkeit des zunächst als Psychologe in der Heerespsychologie arbeitenden Wissenschaftlers werden thematisiert.
Bibliografische Daten
| Herausgeber | Dietrich Hoffmann, Detlef Gaus, Reinhard Uhle (Hrsg.) |
| Titel | Die Reformkonzepte Heinrich Roths - verdrängt oder vergessen? |
| Untertitel | Zur Rekonstruktion von Realistischer Erziehungswissenschaft und Entwicklungspädagogik |
| Seiten | 214 |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Ort | Hamburg |
| ISBN (Print) | 978-3-8300-2685-3 |
| eISBN (eBook) | 978-3-339-02685-9 |
| Schriftenreihe | EUB. Erziehung – Unterricht – Bildung |
| Band | 127 |
Zu den Personen
Prof. Dr. Dietrich Hoffmann (1934–2023) wirkte über mehrere Jahrzehnte als Erziehungswissenschaftler an der Universität Göttingen. Nach dem Studium und einer ersten Phase als Berufsschullehrer nahm er 1969 eine wissenschaftliche Laufbahn auf, zunächst als Assistent, später als Akademischer Rat. 1973 folgte die Berufung auf eine Professur für Allgemeine Pädagogik an der damaligen Pädagogischen Hochschule Göttingen, die später in die Universität integriert wurde.
Sein wissenschaftliches Interesse galt vor allem der Theorie und Geschichte der Erziehungswissenschaft. Besondere Schwerpunkte bildeten die institutionelle Entwicklung der Göttinger Pädagogik sowie das Werk Heinrich Roths, das er kritisch und weiterführend reflektierte. Hoffmanns Arbeiten trugen wesentlich dazu bei, geisteswissenschaftliche Bildungstraditionen mit empirischer Forschung in einen fruchtbaren Dialog zu bringen.
Von 1988 bis 1990 war er Vizepräsident der Universität Göttingen, 2002 wurde er emeritiert. Über viele Jahre engagierte er sich zudem in der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin, deren Mitglied er seit 1998 war. Seine Impulse für den pädagogischen Austausch zwischen Ost und West, etwa in den von ihm initiierten Steinhorster Tagungen, bleiben unvergessen.
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