Doktorarbeit: Architekten und ihr umweltschützendes Verhalten beim Wohnungsbau

Architekten und ihr umweltschützendes Verhalten beim Wohnungsbau

Ein Erklärungsansatz zur diskrepanten Anwendung umweltschützender Maßnahmen und Techniken

Studien zur Umweltpolitik, Band 9

Hamburg 2006, 356 Seiten
ISBN 978-3-8300-2629-7 (Print & eBook)

Architekt, Architektur, Nachhaltigkeit, Ökologie, Planungswissenschaft, Politikwissenschaft, Umweltpsychologie, Umweltverhalten, Wohnungsbau

Zum Inhalt

Wohnen ist ein Grundbedürfnis des Menschen und um es zu erfüllen werden ganz erhebliche Umweltressourcen in Anspruch genommen. Vielfach fällt dies kaum auf, weil der Wohnungsneubau sich relativ stark in der Fläche verteilt. Dennoch werden in Deutschland jeden Tag durchschnittlich schätzungsweise 100 ha Fläche neu bebaut. In einigen Städten hat die Flächenversiegelung massive Größenordnungen erreicht (Herne im Ruhrgebiet ca. 66 %). Rund 40 % des gesamten deutschen Abfallaufkommens entstammt dem Sektor Bauen. Jeder Bewohner verbraucht rechnerisch dreimal so viel Baustoffe pro Jahr als er an Hausmüll produziert: Etwa ein Drittel des Gesamtenergieverbrauchs resultiert aus dem Heizen von Gebäuden. Die technische Gebäudeausrüstung beeinflusst maßgeblich den hohen Verbrauch von rechnerisch zur Zeit ca. 130 l Wasser pro Kopf am Tag. Daher sind Optimierungen in diesem Feld von großer gesellschaftlicher Bedeutung. Nach über 25 Jahren des Experimentierens und Forschens stehen genügend ausgereifte, finanzierbare Möglichkeiten zur Verminderung der Umweltbelastungen beim Wohnungsneubau zur Verfügung. Von einer breiten Umsetzung des „know-hows“ kann dagegen nicht gesprochen werden. Dieses Buch beschäftigt sich mit der Erklärung dieser offenkundigen Kluft zwischen „Wissen und Handeln“, am Beispiel des selbstgenutzten Wohnungsneubaus bei der Akteurgruppe der Architekten.

Für die Erklärung dieser Lücke wird ein bereits vorhandenes individualpsychologisches Akteurmodell um Erklärungsansätze aus der Ökonomie, den Planungswissenschaften und der Soziologie erweitert und für den speziellen Anwendungskontext modifiziert. Mit Hilfe von qualitativen Interviews (N = 25) wird zunächst das neue bzw. erweiterte Modell auf seine Verwendbarkeit hin geprüft. Als Interviewpartner dienen Wissenschaftler, Architekten, Bauträger, Entscheider aus der Bauwirtschaft, Bauherren und Planer. Anschließend wird ein standardisierter Fragebogen für Architekten entwickelt und eingesetzt. Für die Probandenakquise stellte die Architektenkammer Rheinland-Pfalz Adressen aller in der Kammer als Mitglieder eingetragenen Architekten zur Verfügung. Insgesamt wurden 300 Fragebögen versandt und der Rücklauf bestand aus 220 verwertbaren Fragebögen.

Die Auswertung der Erhebung erfolgt multivariat mit einer Koppelung von Faktorenanalyse, Korrelationsanalyse und Regressionsanalyse. A-priori werden verschiedene Hypothesen bezüglich der Ausprägung und Wirkungsweise der Variablen bzw. der Struktur des Modells getroffen.

Die Befunde widersprechen den üblichen Annahmen von Rational-Choice-Modellen, die in der Eigennutzorientierung das dominante oder gar einzige Motiv für umweltschützendes Verhalten erkennen. Es stellt sich vielmehr heraus, dass eine grundsätzliche proökologische Werteinstellung („Umweltschutz ist besonders wichtig“) der stärkste Beweggrund für proökologisches Handeln von Architekten ist. Weitere wichtige Gründe sind:

- die Überzeugung das „umweltschützende Techniken und Maßnahmen“ im Vergleich zum üblichen Standard überlegen sind,
- die Überzeugung das „umweltschützende Techniken und Maßnahmen“ wenig Risiken besitzen,
- eine „Empörung über zu wenig Umweltschutz“ und
- das Erkennen eigener Handlungsspielräume („eigene Kontrolle“).

Ein ausgeprägter „Ärger über zu viel Umweltschutz“ hat einen negativen Wirkungszusammenhang.

Insgesamt ergibt sich ein neues Bild der Architekten und ihrer Beweggründe beim Umweltschutz, mit dem sich die angesprochene Kluft durchaus besser verstehen lässt.



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