Sammelband: Alfred Hitchcock - der Filmverführer

Alfred Hitchcock - der Filmverführer

Un-Schuld im Spannungsfeld von Ethik und Ästhetik

Schriften zur Medienwissenschaft, Band 11

Hamburg 2005, 152 Seiten
ISBN 978-3-8300-2148-3

Alfred Hitchcock, Doppelcodierung, Filmwissenschaft, Kino, Kinofilm, Medientheorie, Medienwissenschaft, Mentale Bilder

Zum Inhalt

"Erinnern sie sich an das Ende von North by Northwest?" fragt ein sichtlich entspannter Regisseur seinen devoten Interviewpartner. Truffaut kann sich nur beeilen, um devot zu Protokoll zu geben, dass er sich sehr wohl an diese Szene des in einen Tunnel einfahrenden Zuges erinnere. "Nun", so der Regisseur weiter, "es handelt sich hier um puren Sex."

Natürlich stutzt man bei dieser Äußerung Hitchcocks. Denn wenn er ein Meister war, dann sicherlich auf dem Gebiet der Täuschung und Mehrdeutigkeit. Dass er hier so eindeutig wird, kann lediglich bedeuten, dass er etwas ganz anderes verbergen möchte. Aber die Frage danach wird von Truffaut leider nicht gestellt.

Der Bezug von Hitchcocks Filmen zu Werken von Poe, Dostojewski oder E.T.A. Hoffmann ist von ihm selber genannt und an zahlreichen Stellen analysiert worden. Verblüffender Weise taucht der Bezug zu einem zentralen Denker des 19. Jahrhunderts an keiner Stelle auf. Bisher ist noch kein Versuch unternommen worden, um die Zusammenhänge zwischen Hitchcocks Filmen und dem Werk Sören Kierkegaards aufzuzeigen. Vielleicht konnte man sich nicht vorstellen, dass es zwischen dem korpulenten, katholischen Familienvater aus England mit seinem berühmten Hang zu guten Speisen und seinem inszenierten dandyhaften, nahezu phlegmatischen Auftreten und dem zu heftigen Wutausbrüchen neigenden protestantischen Hagestolz aus Kopenhagen einen Zusammenhang geben könnte. Dennoch sind die Übereinstimmungen derart prägnant, dass man bei Kierkegaards Werk "Entweder-Oder" geradezu von einem Hitchcockschen Programm vor der Erfindung der Kamera reden kann.

So, wie Kierkegaard angibt, dass oftmals Glück dazu gehört, um Verborgenes zu finden, könnte man in Bezug auf Hitchcocks Filmuniversum spiegelbildlich konstatieren, dass Systematik dazu gehört, um unter einer offensichtlich ästhetischen Oberfläche die Fülle der ethischen Implikationen zu erkennen, welche diese Folie unterminieren.

In diesem Band sind Artikel zu bekannten Hitchcockfilmen versammelt, die anhand ihrer Betrachtung des ästhetischen Musters, die diesem zu Grunde liegenden Kettfäden des Mentalen und Ethischen sichtbar werden lassen.

Denn schließlich haben wir auch in der letzten Einstellung von North by Northwest nicht einfach nur puren Sex gesehen.



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