Dissertation: Islamische Ethik und moderne Gesellschaft im Islamismus von Yusuf al-Qaradawi

Islamische Ethik und moderne Gesellschaft im Islamismus von Yusuf al-Qaradawi

Rezension

[...] So belegt Wenzel-Teuber eindrücklich, dass Qaradawi sowohl die «Islamisierung der Moderne» wie die «Modernisierung des Islamismus» will. Denn einerseits geht es dem auch durch die Verbreitung und Diskussion seiner Reden und Schriften via Internet wohl bekanntesten Geistlichen um die Einführung islamischer Werte in die globale säkularisierte Welt, andererseits aber auch um die zeitgemässe Neudefinition des Islam. [...]

Volker S. Stahr, in:
Neue Zürcher Zeitung, NZZ 9. Dezember 2006

Fundamentalismus, Gesellschaft, Islam, Moderne, Recht, Staat, Tradition

Zum Inhalt

Der Islamismus oder „islamische Fundamentalismus“ scheint, vor allem mit seinen verheerenden Auswüchsen, heute überall gegenwärtig zu sein - und doch ist er im Westen weithin unbekannt, auf jeden Fall nicht recht verstanden. Repräsentiert er nun den „wahren“ Islam, wie er selbst behauptet, oder gerade nicht? Will er wirklich nur Terror verbreiten, oder was will er sonst? Welche Facetten gibt es hier? Wie steht er wirklich zur westlichen Moderne, und ist er als „Antimodernismus“ korrekt beschrieben?

Der Ägypter Yusuf al-Qaradawi (geb. 1922), der in Qatar lebt, ist eine zentrale Figur des zeitgenössischen mainstream-Islamismus. Insofern erscheinen seine Schriften als geeignet, repräsentativ für weite Kreise der vergleichsweise „gemäßigten“ Islamisten Antworten auf Fragen wie die obigen zu geben. Das vorliegende Buch untersucht eingehend, wie in Qaradawis Gedankenwelt die Authentizität der Tradition mit der notwendigen Modernisierung verbunden werden soll, insbesondere, wie er sich die Anwendung des islamischen Rechts in einer modernen Welt vorstellt; wie die angepriesene „islamische Lösung“ konkret aussehen soll und welche Rolle allgemeine Werte und individuelle Ethik darin spielen; und schließlich, welche Strategien Qaradawi empfiehlt, um diese Ziele zu erreichen. Dies geschieht immer vor dem Hintergrund des islamischen Umfelds einerseits – des traditionellen Islam wie auch neuer, radikaler Ideologien – und der westlichen Moderne andererseits. Von Bedeutung sind daneben aber auch die wechselnden politischen Gegebenheiten in Ägypten und der gesamten arabischen und islamischen Welt.

Es zeigt sich, dass bei allen Gemeinsamkeiten zwischen den Flügeln des Islamismus doch schon im Ansatz strukturelle Differenzen bestehen, die über rein taktische Fragen (etwa zur Gewaltanwendung) weit hinausreichen. Gleichzeitig wird klar, dass die „Modernisierung des Islam“ und die „Islamisierung der Moderne“ nicht die oft beschriebenen Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille sind. Bislang angebotene Kategorien reichen hier deshalb nicht mehr aus.



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