Lebenserinnerung: Dreimal „Heim ins Reich“ und zurück

Dreimal „Heim ins Reich“ und zurück

Wechselvolle Wegspur eines saarländischen Jungen in den Jahren 1935 bis 1945

Lebenserinnerungen, Band 60

Hamburg , 230 Seiten

ISBN 978-3-8300-1098-2 (Print)

Zum Inhalt

In diesem Buch werden freud- und leidvolle Anekdoten, erheiternde und erschütternde Erlebnisse geschildert, wie sie aus großfamiliärer Geborgenheit einerseits und als Auswüchse eines totalitären Systems und ebenso totalen Krieges andererseits erwachsen. In den markanten Gestalten und Alltagsszenen einer an sich idyllisch anmutenden Dorfgemeinschaft spiegeln sich quasi exemplarisch die Ereignisse der großen Geschichte dramatisch wider.

Im Frühjahr 1935 wird der vierjährige R. E. unfreiwillig Zeuge, wie Uniformierte im grenznahen Brotdorf den „status quo“ in Form einer großen Puppe verbrennen und damit die „Rückgliederung“ der Saar „heim ins Reich“ propagandistisch vorwegnehmen. Drei Jahre später steht der Knabe im Halbdunkel der sog. „Reichskristallnacht“ verständnislos dem verheerenden Treiben der SA-Leute gegenüber und erlebt mit traumatischer Nachhaltigkeit, wie alles Hab und Gut der lieben „Tant Sarah“ zerstört und auf den Misthaufen geworfen wird, wie der mächtige Kristallleuchter der Synagoge von der Decke stürzt und mit Getöse am Boden zerschellt.

Das erschütternde Ereignis empfindet der Junge als unbegreiflichen Widerspruch gegenüber der Friedfertigkeit und Güte, mit der er in der kargen, aber stets heiteren Geborgenheit einer Großfamilie von Arbeiterbauern aufwächst. Wie alle Kinder im Dorf muss er von klein auf in Haus und Stall mit anfassen, muss das Jahr über bei den anfallenden Feld- und Waldarbeiten mithelfen. Die knappe Freizeit verbringt er in zwei recht gegensätzlichen Spielgruppen: Die „Klerikalen“ ahmen auf einer Waldlichtung die Ritualszenen der katholischen Liturgie nach, und die rauheren „Säkularen“ betreiben die waghalsigsten, zum Teil grausamen Knabenstreiche. Ebenso gegensätzlich sind die jetzt anfallenden „Herrendienste“ unter dem Kreuz der Kirche und dem Hakenkreuz der Hitlerjugend.

Und immer wieder drängt sich das große Weltgeschehen dramatisch in den Alltag des dörflichen Lebens gewaltsam ein. So lesen wir, wie die Menschen an der Saar noch zweimal, zu Beginn und gegen Ende des Krieges, „heim ins Reich“ vertrieben werden. Wir erfahren, wie der inzwischen Vierzehnjährige als „Schanzer“ an der Westfront, bei Luftangriffen amerikanischer Jagdbomber, als Flüchtling und auch noch als „Befreiter“ mehrmals dem Tod unmittelbar gegenübersteht und wie sich all dies in der jungen, erschütterten Seele für immer festgesetzt hat.

So erscheint dieses Buch als authentisches Zeugnis eines bedeutenden Abschnittes unserer Zeitgeschichte und zugleich als ein offenes Bekenntnis persönlicher Betroffenheit. An entscheidender Stelle zitiert der Autor Schlussfolgerung den Bürgermeister seines Heimatortes: „Wir dürfen nicht darüber hinwegsehen, dass unsere Jugend auch heute noch an dem Verbrechen der Nationalsozialisten schuldig werden könnte, dann nämlich, wenn sie ihre aus dem damaligen Geschehen erwachsene Verantwortung nicht erkennen würde.“

Ihr Werk im Verlag Dr. Kovač

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