Forschungsarbeit: Die ‘Ideen von 1914‘

Die ‘Ideen von 1914‘

Weltanschauliche Probleme des europäischen Friedens während der ‘ersten Globalisierung‘

Studien zur Geschichtsforschung der Neuzeit, Band 22

Hamburg , 206 Seiten

ISBN 978-3-8300-0492-9 (Print)

Zum Inhalt

Vor dem Hintergrund der „ersten Globalisierung“ und am Beispiel der kulturell-ideologischen Elemente des ersten Weltkrieges stellt die vorliegende Studie die These auf, daß die ökonomische Perspektive der internationalen Politik, wie sie im Liberalen Frieden deutlich impliziert ist, zentrale immaterielle, d.h. kulturell bedingte Aspekte des politischen Entscheidungshandelns unterschlägt. Verdeutlicht wird dies anhand der deutschen Selbstperzeption als Sonderkultur im 19. und 20. Jahrhundert, die am deutlichsten in den „Ideen von 1914“ als ideologischer Fundierung der deutschen Kriegsanstrengungen und -ziele während des Ersten Weltkrieges wird.
Die „Ideen von 1914“ waren letztlich die Ausformulierung einer, insbesondere von den intellektuellen Eliten des Reiches vertretenen national-romantischen, antiwestlichen Sonderwegsideologie, die sich auf die behaupteten Eigenheiten des „deutschen Wesens“ in Kultur, Gesellschaftsordnung und Politik berief. Wie zu zeigen ist, waren die Proklamation der „Ideen“ im Sommer und Herbst 1914 sowie der Versuch ihrer wissenschaftlichen Fundierung durch Gelehrte wie Ernst Troeltsch in den Jahren 1914 bis 1916 dabei keineswegs propagandistische Artefakte, sondern beruhten in weiten Teilen auf einer aufrichtigen, genuinen Interpretation der deutschen Weltsicht und Staatstradition durch die zeitgenössischen Intellektuellen. Dies schließt natürlich keineswegs aus, daß die „Ideen“ von interessierten Kreisen zur Apologie machtpolitischer Ziele; nicht zuletzt nach dem Zerfall des „Burgfriedens“ und der Radikalisierung der deutschen Politik 1917/18 wandelte sich die Sonderwegsideologie in den nationalistischen und rechtsextremen Kreisen, etwa der Vaterlandspartei, zum intellektuellen Feigenblatt weitreichender Annexions- und Herrschaftspläne in Europa und der Welt. Dennoch ändern diese Exzesse nichts am ursprünglichen, letztlich defensiven Charakter der „Ideen von 1914“.

Wenn also angesichts prinzipiell durchaus vergleichbarer materieller Rahmenbedingungen ein wesentliches Moment des Scheiterns des „kapitalistischen“ Friedens vor 1914 in kulturellen Divergenzen zu suchen ist, hat dies auch gravierende Konsequenzen für die Verläßlichkeit und die Erfolgsaussichten des Konzeptes des Liberalen Friedens in der gegenwärtigen Außenpolitik. Denn eine Kehrseite der Globalisierung ist ja die zunehmende Interaktion tatsächlich unterschiedlicher Kulturen und Kulturkreise. Wenn aber kulturelle Unterschiede und Weltsichten maßgeblich dazu beitragen können, die ökonomische Rationalität des Liberalen Friedens zu konterkarieren, dann müssen in der westlichen Außen- und Sicherheitspolitik kulturelle Aspekte ein wesentlich größeres Gewicht erhalten als heute üblich. Die entscheidende Botschaft für die Theorie und Praxis der internationalen Politik lautet dann, insbesondere im interkulturellen Bereich, etwa im Umgang mit islamischen Staaten oder China, weniger auf handfeste, materiell-ökonomische Instrumente der Friedenssicherung zu vertrauen, als auf längerfristig angelegte, schwer zu evaluierende Mittel wie den internationalen Dialog und vertrauensbildende Maßnahmen.

Die Arbeit ist wie folgt auf gebaut: Kapitel 2 gibt einen Überblick über die Idee des wirtschaftlich fundierten Friedens, wie sie von liberalen Ökonomen und Politikern um die Jahrhundertwende vertreten wurde und wie sie auch heute noch relevant ist. Im Anschluß daran werden auch ökonomische Gegenpositionen dargestellt, die gegenwärtig in der Volkswirtschaftslehre eher in Vergessenehit geraten sind, sowie die empirischen Hintergründe der „ersten Globalisierung“. Kapitel 3 zeigt die Grundlagen und Prinzipien der antiliberalen deutschen Sonderwegsideologie des Kaiserreiches auf, die zu einer eigentümlichen kulturell motivierten Interpretation des Ersten Weltkrieges als Kampf gegen den westlichen „Mammonismus“ des Liberalen Friedens führte. Besonderes Augenmerk liegt auf der Frage nach der Propagandaeigenschaft der „Ideen von 1914“. Kapitel 4 zeigt in größerem Detail Schwerpunkte der „Ideen“, was die weltanschaulichen Antagonismen mit dem Westen und ihre politischen Implikationen angeht. Kapitel 5 verweist auf die Idee des Liberalen Friedens und ihrer kulturellen Kritik, wie sie sich heute wieder in der Literatur finden und zieht aus der grundsätzlichen Aktualität des Exemples von 1914 einige Schlüsse für die Außen- und Sicherheitspolitik der Gegenwart.

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