Dissertation: Von der Möglichkeit, ICH zu sagen

Von der Möglichkeit, ICH zu sagen

Versionen weiblicher Lebensentwürfe im Werk mexikanischer Autorinnen

FEMINAT – Studien zur Frauenforschung, Band 10

Hamburg , 274 Seiten

ISBN 978-3-8300-0371-7 (Print)

Zum Inhalt

Die Geschichte der Sozialisation mexikanischer Frauen von der Zeit des Aztekenreiches bis in die Gegenwart zeigt sowohl die diskursiven Leitbilder, die Frauen und Männern als Identifikationsangebote zur Verfügung standen, als auch die gesellschaftlichen Determinanten, die ihre persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten einschränkten. Die nicht nur in Lateinamerika anzutreffenden gesellschaftlichen Phänomene des „Machismo“ und des „Marianismo“ erfahren in Mexiko durch eine dritte Komponente, den „Malinchismo“, eine besondere Ausprägung. Zu allen Zeiten hat es jedoch auch in Mexiko Frauen gegeben, die trotz der kulturellen Zuschreibungen versuchten, zumindest temporär aus dem einengenden Ring der patriarchalen Gesetze auszubrechen.

Wo Rosario Castellanos vor fünfzig Jahren nach den Gründen für eine fehlende Traditionslinie schreibender Frauen fragte, finden sich heute unzählige Autorinnen, deren Texte Persönliches transparent machen und die so zu der Dekonstruktion nach wie vor bestehender Weiblichkeits- und Männlichkeitszuschreibungen beitragen. Ich-Erzählungen in Form von Autobiographien, Biographien und Testimonialliteratur vermitteln seit den siebziger und achtziger Jahren heterogene weibliche Lebensmodelle. Die häufig fragmentarische Struktur der Lebensgeschichten macht Entwicklung als nicht linear erfahrbar deutlich. Die Autorinnen entlarven „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ als diskursive Konstrukte und schreiben eine neue multidimensionale Geschichte möglicher Formen des „Frau-Seins“ in die his-story ein.

Die hier ausgewählten Texte stehen exemplarisch für diese Entwicklung. Sie beschreiben unterschiedliche weibliche Lebensphasen aus der Ich-Perspektive, was einen Blick auf die Literarisierung von Kindheit und Adoleszenz (Carmen Boullosa: Mejor desaparece 1987; Antes 1989), Lebensmitte (Rosamaría Roffiel: Amora 1989; Sara Levi Calderón: Dos mujeres 1990) und Alter (Elena Poniatowska: Hasta no verte Jesús mío 1969; María Luisa Puga: La Viuda 1994) ermöglicht. Der mündliche Charakter der Texte zielt auf Kommunikation und Dialog, was im Gegensatz steht zu dem einseitigen, über die Jahrhunderte hinweg institutionalisierten Schweigen von Frauen. Dieses erzwungene Schweigen ist Ausdruck patriarchaler Gewalt, die hier als die Unterbrechung oder Verneinung von Dialog verstanden wird.

Die Protagonistinnen der hier untersuchten Texte weisen das traditionelle Familienmodell zurück, das sich in allen vorgestellten Lebensphasen als kontraproduktiv im Hinblick auf weibliche Subjektkonstituierung erweist. Ihre Verweigerung bezieht sich auf diskursive Determinanten, die ihnen das kreative Potential nicht zugestehen, das sie brauchen, um ICH zu sagen. In allen untersuchten Texten wird eine Position erreicht, in der das erzählende Ich sich als solches erkennt, unabhängig von äußerlicher Wertung. Dadurch erhalten sie Modellcharakter in Bezug auf die Möglichkeit und das Recht, ICH zu sagen - auch und gerade in Opposition zu determinierenden Normierungen.

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