Mathias Heller Anarchie und Moses – Quellen des Anarchismus im Judentum und im alten Russland
Hamburg 2026, 252 Seiten
Zum Inhalt
Die jüdische Religion trägt bereits in der Bibel ein Potential des Anarchismus in sich. Gott selbst will, dass der Mensch frei sei. Schon deshalb, weil jeder Mensch gottebenbildlich ist, also prinzipiell frei und untereinander gleich, und andere weder unterwerfen noch sich selbst unterwerfen lassen darf. Menschengemachte Gesetze gelten erstmal als suspekt und werden hinterfragt.
Im zaristischen Regime wurde ein großer Teil der europäischen Juden wie der größte Teil der Bauern im westlichen Teil Russlands konzentriert. Hier organisierten sich Bauern seit Hunderten von Jahren in Obschtschiny. Dorfgemeinschaften, die unterhalb der staatlichen Ebene nach anarchistischen Grundsätzen funktionierten: Gemeineigentum an Boden, gleiche Verteilung, Rotation, Wahlen, Föderalismus. Juden durften zwar in Russland meist kein Land besitzen, aber sie stellten die Händler, Steuerpächter und Wirtsleute, kannten also die Gemeinschaften.
Das Regime konnte das riesige Land nicht verwalten, es kam zu Hungersnöten und Aufständen. Moskau suchte einen inneren Feind, schürte Antisemitismus. Die Not in den Schtetlech wurde unerträglich. Wer konnte, floh. 1910 gründeten russische Juden, motiviert vom Gedanken des Zionismus, im Heiligen Land am See Genezareth den ersten Kibbuz. Der Boden wurde von einer internationalen jüdischen Organisation aufgekauft und den Siedlern als Gemeineigentum zur Verfügung gestellt. Die Kibbuzniks einte das Ziel, das Land wieder urbar zu machen. Sie setzten in der Praxis die anarchistischen Grundsätze um, die sie von ihren gläubigen Vorvätern ererbt, von sozialistischen Theoretikern gelernt und in Obschtschiny erlebt hatten.
Die Kibbuzniks waren eine wesentliche Stütze des modernen demokratischen jüdischen Landes, bis die konservativen Regierungen ihnen die staatliche, politische und ideologische Unterstützung strichen. In den meisten Gemeinschaften blieben nur noch Rudimente des Anarchismus übrig. Dennoch erhielten über 60 Kibbuzim ihre anarchistischen Strukturen aufrecht, ein aktueller Beweis, dass es auch heute ohne Staat und verkrustete Bürokratie geht.
Bibliografische Daten
| Autor | Mathias Heller |
| Titel | Anarchie und Moses – Quellen des Anarchismus im Judentum und im alten Russland |
| Seiten | 252 |
| Erscheinungsjahr | 2026 |
| Ort | Hamburg |
| ISBN (Print) | 978-3-339-14924-4 |
| eISBN (eBook) | 978-3-339-14925-1 |
| Schriftenreihe | BOETHIANA – Forschungsergebnisse zur Philosophie |
| Band | 216 |
Über Mathias Heller
Mathias Heller, Jahrgang 1960, lebt seit 1966 in Berlin. Nach dem Grundwehrdienst Studium der Philosophie an der Humboldt-Universität, Diplomarbeit über Thomas Mann und Kafka. Anschließend Redakteur beim Rundfunk und in Zeitungen, zum Schluss gut 20 Jahre lang als Ressortleiter Politik bei der größten Tageszeitung Berlins.
Seit dem Ruhestand arbeitet Heller zu religionsphilosophischen Themen vor allem im Bereich des religiösen Anarchismus, wobei es ihm um geistige Tendenzen geht, die heute verschüttet sind oder bewusst verborgen werden. Er veröffentlichte „Tarkovskijs Kritik an der transzendentalen Obdachlosigkeit der Moderne“ (Grin Verlag München 2022) und „Anarchie und Christus. Der mystische Anarchismus des Nikolai Berdjajew“ (Verlag Dr. Kovac Hamburg 2025).
In seinem jüngsten Werk „Anarchie und Moses“ erörtert er die Quellen des Anarchismus im Judentum (Bibel, Diaspora, Kibbuzim) und im alten Russland (Obschtschina), die von der aktuellen Politik totgeschwiegen werden, obwohl sie großes Potential für eine friedliche Zukunft aller Menschen und die Bewahrung der Schöpfung haben.
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