Zum Inhalt
Ein Essay über die Bürgerstadt Leipzig, die auf ihrem Rathausturm statt einer aufmunternden Botschaft die Mitmenschen an die irgendwann bevorstehende Todesstunde erinnert: „Mors certa – hora incerta“ („Der Tod ist sicher – die Stunde ungewiss“). Man könnte es als Integrationsappell verstehen, der die Gleichheit zumindest zum Lebensende verkündet – schließlich waren die meisten gute Protestanten. Oder es beinhaltete die Mahnung, es im Leben nicht zu weit zu treiben.
Als dieses gewaltige neue Rathaus errichtet wurde, hatte die Einwohnerschaft sich schon längst diversifiziert und polarisiert. Dabei hatten die Bürger – Bürgerschaft musste zuerkannt werden – sich jahrzehntelang mit Fleiß, Engagement und einer Prise revolutionären Bewusstseins gut in der Stadt eingerichtet und sich die Stadt gut eingerichtet. Wären da nicht die Kriege gewesen, welche die eigenen Herrscher auf der falschen, nämlich erfolglosen Seite führte und für deren Folgen man aufkommen musste.
Mit der Zeit hatte man mit emanzipatorischen Bewegungen zu tun, der Frauen (sie waren tatsächlich Menschen!) und dann auch noch der Arbeiter, welche nicht nur eine eigene Kultur formten, Teilhabe verlangten, sondern die überkommene Ordnung zunehmend in Frage stellten. Und das, obwohl sich Leipzig längst als Kultur- und Bildungsstadt etabliert hatte. Es reichte nicht mehr aus. Die Brüche des 20. Jahrhunderts erschütterten die alte Ordnung in jeder Beziehung und erübrigten die Frage, wie sich die Stadtgesellschaft ohne Kriege entwickelt hätte. Sie legten offen, wie schnell latente Ausgrenzung zur Vernichtung führen konnte.
In der Konsequenz wurde auch die Stadt selbst zerstört, mit allem, was sie ausgezeichnet hatte. Die Scherben wurden wieder einmal zusammengekehrt, die Resilienz wurde wieder einmal bewiesen. Um die historische Distanz zu wahren, endet dieser Text 1989. Da mussten sich die Stadt und ihre Einwohner zum vierten Mal in diesem Jahrhundert neu formieren.
Bibliografische Daten
| Autorin | Gisela Kaben |
| Titel | Neuzeitliches Leipzig – Image einer Bürgerstadt |
| Seiten | 306 |
| Erscheinungsjahr | 2026 |
| Ort | Hamburg |
| ISBN (Print) | 978-3-339-14840-7 |
| eISBN (eBook) | 978-3-339-14841-4 |
| Schriftenreihe | Geschichtswissenschaftliche Studien |
| Band | 18 |
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